Österreich 1956
In seiner Weihnachtsansprache 1945 kam Bundeskanzler Leopold Figl auf die schier aussichtlose Lage des Landes zu sprechen, um dann der Nation zuzurufen: „Ich kann Euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!“ Sie glaubten an Österreich. Und ließen dem Glauben Taten folgen. Nur zehn Jahre später bot die Alpenrepublik einen völlig veränderten Anblick.
Die Jahre von Not und Mangel waren Vergangenheit, aus den Ruinen des Jahres 1945 hatte sich das Land zu einem Gemeinwesen entwickelt, das sich anschickte, ein Wirtschaftswunder zu schreiben. Man hatte die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen der unmittelbaren Nachkriegszeit gemeistert und eben im Staatsvertrag von Wien einen großen diplomatischen Erfolg errungen (wenngleich dieser Erfolg auch junktimiert war mit Österreichs Selbstverpflichtung zur militärischen Neutralität).
Man hatte erreicht, was noch in den 1930er Jahren undenkbar war. Das Land konnte sich einer stabilen Demokratie erfreuen, Gewalt als Mittel der Politik hatte ausgedient. Die große Koalition aus ÖVP und SPÖ, gestützt auf die Sozialpartner, hatte die Krise des Herbst 1950 überwunden, die Inflation in den Griff bekommen, mit dem Raab-Kamitz-Kurs den Wirtschaftsaufschwung eingeleitet und mit dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG) ein sozialpolitisches Jahrhundertwerk errichtet.
Ermöglicht hatte all dies, neben Fleiß und Tatkraft der Österreicher selbst, insbesondere die Hilfe der (West)Alliierten, allen voran der USA. Sie hatten das Land die ersten Nachkriegsjahre regelrecht durchgefüttert und ihm sodann, im Rahmen des European Recovery Program (ERP, bekannt auch als Marshall-Plan), die für den wirtschaftlichen Aufstieg notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt.



