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Industrie

Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955


VOR UND NACH DEM WELTKRIEG

Marchtrenk war bis 1945 ein hauptsächlich von der Landwirtschaft geprägtes Dorf. Es bestanden einige Firmen mit teilweise längerer Tradition. Einige davon bestehen noch heute, einige gibt es schon lange nicht mehr.

Die Aufarbeitung einzelner Firmengeschichten ist sehr interessant, aber auch sehr zeitaufwändig. Recherchen im Grundbuch und im Handelsregister, die Suche nach den erzeugten Produkten, Gespräche mit Nachkommen, das alles war u. a. aufgrund fehlender Prospekte und Firmenunterlagen – umfassend – in der gebotenen Zeit nicht möglich.


IM JAHR 1945 BESTANDEN – ALPHABETISCH GEORDNET – FOLGENDE BETRIEBE MIT EINIGER BEDEUTUNG:

Sägeindustriebetrieb Josef Baumgartner
Der Sägeindustriebetrieb Josef Baumgartner wurde in den späten 1930er Jahren gegründet. Nach dem Krieg beschäftigten das Sägewerk und der Zimmereibetrieb zahlreiche Marchtrenker. Durch den Wiederaufbau und erste Exporte nach Italien war jahrelang ein Drei-Schichten-Betrieb notwendig!


Ernst Becker & Sohn Spinnerei KG

Ernst Becker & Sohn Spinnerei KG – Die auf das Jahr 1851 zurückgehende Firma war schon immer der Leitbetrieb Marchtrenks. Ernst Becker kaufte 1872 den zwischenzeitig stillgelegten Betrieb und errichtete neue Fabrikgebäude. In ihnen wurden modernste Maschinen aufgestellt. 1949 erzeugten 250 Arbeiterinnen und Arbeiter auf 3.000 Spindeln beinahe eine halbe Million Kilogramm Wolle. Da sich nach dem Krieg die wirtschaftliche Lage verbesserte, wurde in den Jahren 1949, 1950, 1954, 1956 und so fort laufend in Baulichkeiten investiert. 1893 wurde auf Initiative des Firmeneigentümers und Bürgermeisters Ernst Becker die Holzbrücke über die Traun nach Weißkirchen aus Privatmitteln errichtet.


Handelsbetrieb Alois Brunnmayr

Der Handelsbetrieb Alois Brunnmayr wurde 1922 gegründet. Nach dem Krieg wuchs der Handel mit Heizöl und Kohle, mit Baumaterialien und Landesprodukten. Die Firma übte auch das Transportgewerbe aus. Da nach dem Krieg keine öffentlichen Busse fuhren, übernahm Brunnmayr den Personentransport nach Wels. Legendär sind die Fahrten mit dem Saurer-LKW. Noch heute erinnert sich fast jeder ältere Marchtrenker an den Fahrer und „Kondukteur“ Fritz Wartinger.


Sternmühle, Brüder Franz und Leopold Köllerer

1932 erwarben die beiden Brüder Franz und Leopold Köllerer die heute stillgelegte „Sternmühle“. 1946 wurde der große Silo errichtet und in den folgenden Jahren wurde die Mühle immer größer ausgebaut. Interessant ist ein Tauschgeschäft in der Zeit allgemeinen Mangels: Die Mühle lieferte Mehl an die Kantine der VÖEST, diese Stahl an die Kirchdorfer Zementwerke und diese Zement für den Ausbau der Mühle. Ein klassisches Dreiecksgeschäft. In den 1950er Jahren wurden 35 Müller und Mitarbeiter beschäftigt.


PAKA Papierwaren und Kartonagenfabrik GmbH
Die PAKA Papierwaren und Kartonagenfabrik GmbH hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Vor dem Krieg gründete der Marchtrenker Anton Körner zusammen mit Herrn Sommer (er war jüdischer Abstammung) in Linz die Kleinmünchner Papierfabrik. Um sein Leben zu retten, emigrierte Herr Sommer und Herr Körner wurde Alleinbesitzer. Es war dies vermutlich ein Kauf oder ein klassischer Fall von Arisierung. Der Betrieb wurde abgesiedelt, da dort die VÖEST errichtet wurde. In Marchtrenk besaß Gisela Zimmermann ein großes Grundstück mit darauf errichteter Turnhalle. Zusammen mit Anton Körner und Josef op te Roodt (ein deutscher Nationalsozialist) gründeten sie 1938 die Firma PAKA. 1945 musste Josef op te Roodt Österreich verlassen. Da er Komplementär und Geschäftsführer war, wurde die Firma als deutsches Eigentum unter öffentliche Verwaltung, das heißt direkt dem Finanzministerium unterstellt.
Öffentlicher Verwalter wurde ein Herr Fischer aus Steyr. 1947/48 forderte Herr Sommer von Israel aus aufgrund des sogenannten Rückstellungsgesetzes sein ehemaliges Eigentum zurück. Nach einem langwierigen Prozess und des zu Gunsten von Herrn Sommer gefällten Urteils geriet die Firma in Zahlungsschwierigkeiten. Dies führte letztlich 1958 zum Verkauf an die Nettingsdorfer Papierfabrik AG.
1991 erwarb die Schweizer Firma Wipf die PAKA. Die Firma wurde vor einigen Jahren abgerissen. In naher Zukunft sollen auf dem Grundstück über 200 Wohnungen errichtet werden.


Stanzel KG

Die Stanzel KG wurde 1929 gegründet. 1946 erfolgte ein Neubeginn mit Leghennen. Der rasche Aufstieg der Firma war beeindruckend. Millionen Küken wurden jährlich verkauft.


Schafwollfabrik des Johann Weinzirl
1934 erwarb Paul Walter die Schafwollfabrik des Johann Weinzirl. Dessen Unternehmen war nach dem I. Weltkrieg stillgelegt worden. Die Firma Walter war für ihre feinen Garne bekannt. 1977 wurden die Hallen an den Nachbarn Gross-Busetti verkauft.


DIE FOLGENDEN FIRMEN WURDEN NACH 1945 GEGRÃœNDET:

Es hat in dieser Zeit viel Mut erfordert, einen Betrieb zu gründen. Hinderlich waren sicher das Fehlen von Baumaterialien, der Mangel an Rohstoffen, die schlechten Verkehrsverbindungen, fehlende Kommunikationsmittel und vieles mehr.


Rofima Qualitätsbettwaren GmbH
Im Jahr 1949 gründete Ing. Robert Ficker die heutige Rofima Qualitätsbettwaren GmbH. Begonnen wurde mit acht Beschäftigten.


Brüder Josef und Rudolf Hartl
Die Brüder Josef und Rudolf Hartl gründeten 1945 einen höchst erfolgreichen Betrieb zur Produktion von Garnen und Tapezierwatte.


Firma Hedorfer
1948 gründete die Firma Hedorfer eine mechanische Weberei in einer Baracke südlich der „Sternmühle“. Erzeugt wurden Wollstoffe und Decken.


Firma Ritz-Messwandler
Die Firma Ritz-Messwandler errichtete 1956 einen Zweigbetrieb in Marchtrenk. Es wurde und werden Messwandler für die Elektrizitätswirtschaft produziert. Da der öffentliche Verkehr noch nicht sehr entwickelt war, bot dieses erfolgreiche Unternehmen zahlreiche Arbeitsplätze vor Ort.


Semperit AG

Die Semperit AG war von 1945 bis 1948 in Marchtrenk auf dem Gelände der Firma Becker. Ende 1948 übersiedelte sie nach Linz-Wegscheid. Semperit hatte schon während des Krieges ein Zweigwerk in Engerau in der früheren Tschechoslowakei. Beim Herannahen der Russen fuhr ein Teil der deutschsprachigen Mitarbeiter mit den Maschinen und Vorräten auf einem Schiff donauaufwärts. In Deggendorf stoppten amerikanische Truppen das Schiff und so entstand eine Niederlassung in Bayern. Ein zweites Schiff kam mit ähnlicher Fracht nach Aschach an der Donau. Wenig später erfolgte für relativ kurze Zeit die Übersiedelung nach Marchtrenk.

Autor: Reinhard Gantner, 2015


"Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 11. bis 15. September 2015 im Volkshaus Marchtrenk.

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