Oberösterreich im Hochmittelalter – 11. und 12. Jahrhundert


Herrschafts- und Besitzverhältnisse
Im 11. und 12. Jahrhundert stellte das heutige Oberösterreich nach wie vor kein einheitliches Territorium dar. Wie auch die angrenzenden Gebiete im heutigen Niederösterreich und in der Obersteiermark unterstand zwar ganz Oberösterreich dem Herzog von Bayern, doch durch Schenkungen der Kaiser bzw. Könige des Heiligen Römischen Reiches erwarben zahlreiche geistliche und weltliche Würdenträger Besitzungen. So erhielt das Erzbistum Salzburg 1006 das Gut Schlierbach als Geschenk von Kaiser Heinrich II., ein Jahr später schenkte derselbe König den Attergau an das Bistum Bamberg. Das Chorherrenstift St. Nikola in Passau wurde bei seiner Gründung 1067 auch mit zahlreichen Besitzungen im Inn- und Hausruckviertel ausgestattet.

Der Südosten Oberösterreichs als Keimzelle der Steiermark
Im Jahr 1035 belehnte König Konrad II. die Wels-Lambacher oder Traungauer Grafen mit der so genannten Karantanischen Mark. Markgraf Gottfried starb freilich schon 1050, sodass das Geschlecht der Otakare den östlichen Teil des Herrschaftsgebietes der Wels-Lambacher an der Enns erbte. Das Herrschaftszentrum der Traungauer Grafen lag um die Stadt Steyr und entlang der Enns im östlichen Traunviertel; im frühen 12. Jahrhundert kamen die Obersteiermark, der Grazer Raum, die heute in Slowenien liegende Untersteiermark sowie die Grafschaft Pitten im Semmering- und Wechsel-Bereich dazu. Diese Gebiete waren bis zum 11. Jahrhundert nur eher dünn und vornehmlich von slawischsprachiger Bevölkerung bewohnt. Durch die Machtübernahme der Wels-Lambacher bzw. in deren Nachfolge der Otakare siedelten sich vermehrt baierische Adelige in der Karantanischen Mark an. 1074 wurde Markgraf Otakar I. anlässlich der Gründung des Benediktinerstiftes Admont erstmals nach seinem Herrschaftsmittelpunkt als „von Steier“ betitelt – daraus entwickelte sich rasch der neue Name für die Karantanische Mark: „Steier“ oder „Steiermark“. Nach dem Tod des Markgrafen Otakar II. wurde die Residenz der Markgrafschaft 1122 von Steyr nach Graz verlegt.

Im Zuge eines Konflikts zwischen Staufern und Welfen im Heiligen Römischen Reich, der im Jahr 1180 zur völligen Entmachtung des Welfen Heinrich des Löwen als Herzog von Bayern führte, wurde die Steiermark zum Herzogtum erhoben, doch konnte sich Herzog Otakar IV., der letzte der Otakare, wegen einer unheilbaren Hautkrankheit nur mehr kurz seiner neuen Machtposition erfreuen. Im Jahr 1192 fiel die Steiermark gemäß der Georgenberger Handfeste an die Babenberger. Das namensgebende Gebiet um die Steyr wurde in der Folge Österreich und nicht mehr der Steiermark zugeschlagen.

Die Rolle des Adels beim Aufbau der Klosterkultur
Die ältesten Klöster im heutigen Oberösterreich, Mondsee und Kremsmünster, wurden noch im 8. Jahrhundert von den Agilolfingern gegründet. Im 10. und 11. Jahrhundert kam es erneut zu einer Welle von Klostergründungen, die ebenfalls auf adeligen Einfluss zurückgehen. Allgemein waren damals hohe kirchliche Ämter - ob Bischof oder Abt - dem Adel vorbehalten. Es war in der Regel der Zweitgeborene einer Generation, der für den geistlichen Stand bestimmt war und so für das ewige Seelenheil der Familie in besonderer Weise sorgen sollte. Damit erlangten die adeligen Gründerfamilien aber auch einen permanenten Einfluss auf diese Klöster.

Zwischen 1020 und 1040 wurde das Nonnenkloster Traunkirchen von Graf Wilhelm von Reichenhall und seiner Gattin Leugurgis gegründet. In der späteren Tradition stellten sich die Markgrafen von Steier als Gründerfamilie dar, wie ein Ölgemälde aus dem 16. Jahrhundert zeigt: Otakar I. von Steier übergibt gemeinsam mit dem Babenberger Markgrafen Leopold II. das Kloster an die Hl. Maria (Mitte) sowie Stab und Schlüssel an seine Schwester Ata, die erste Äbtissin (rechts).

Das Geschlecht der Wels-Lambacher erlebte im späten 10. und im 11. Jahrhundert einen steten Aufstieg. Der letzte Vertreter dieses Grafengeschlechts, der um 1010 in Lambach geborene Adalbero, schlug eine geistliche Karriere ein und studierte sogar in Paris. In Würzburg wurde er zunächst Domherr und später Bischof. 1056 gründete er das Benediktinerstift Lambach. 1061 wurden der Besitz des Klosters im Raum Wels sowie das Zollrecht in Lambach und das Marktrecht in Wels von König Heinrich IV. (1056-1105) bestätigt. Da sich Adalbero im Investiturstreit ab 1076 auf die Seite des Papstes Gregor VII. und gegen König Heinrich IV. stellte, musste er seine Bischofsresidenz verlassen; er zog sich in seine Gründung Lambach zurück, wo er am 6. Oktober 1090 starb.

In Reichersberg am Inn widmete um 1080/1084 der Edle Wernher von Reichersberg gemeinsam mit seiner Gattin Dietburga die Burg zu einem Augustiner-Chorherrenstift um. Nach dem Tod seiner Frau trat Wernher selbst als Chorherr ein. Im 12. Jahrhundert erlangte das Stift unter Propst Geroh (1132-1169), einem der wichtigsten Theologen des 12. Jahrhunderts, eine erste Blütezeit, doch wurde das Kloster 1167 geplündert und niedergebrannt, als sich Gerhoch im erneut aufflammenden Streit zwischen Kaiser und Papst auf die Seite des Papstes stellte.

Auch der neue Orden der Zisterzienser fand rasch auch in Oberösterreich Verbreitung: Die Brüder Ulrich und Colo von Wilhering-Waxenburg gründeten 1146 in Wilhering das erste Zisterzienserstift in Oberösterreich. Die ersten Mönche entstammten dem steirischen Zisterzienserstift Rein nördlich von Graz.

Beginn der Babenbergerherrschaft im heutigen Oberösterreich
Der Aufstieg der Babenberger in den Hochadel vollzog sich in mehreren Schritten seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert. Markgraf Leopold III. (1095–1136) hatte sich im Gegensatz zu seinem Vater Leopold II. im Investiturstreit nicht auf die Seite des Papstes, sondern des neuen Königs Heinrich V. (1105/1106–1125) gestellt. Dieser dankte ihm die Gefolgschaft, indem er Leopold III. seine Schwester Agnes, die Witwe Friedrichs von Staufen, zur Frau gab. Mit dieser Hochzeit befanden sich die Babenberger erstmals in einem engen Verwandtschaftsverhältnis mit den Königshäusern der Salier (Heinrich V.) und Staufer (Friedrich von Staufen als Ahnherr der späteren Kaiser bzw. Könige).

Zunächst folgte Leopolds III. ältester Sohn, Leopold IV. (1136–1141), als Markgraf nach. Er profitierte in hohem Maße vom Streit zwischen den Staufern, die mit Konrad III. den König stellten, und den Welfen, deren wichtigster Vertreter Heinrich der Stolze von Bayern seinem Widersacher die Huldigung verweigerte. Konrad III. entzog Heinrich dem Stolzen kurzerhand das Herzogtum Bayern und übergab es seinem Halbbruder, dem Babenberger Leopold IV. Die Babenberger wurden somit 1139 erstmals zu Herzögen, allerdings von ganz Bayern, dem die eigene Markgrafschaft Österreich untergeordnet war. Sie herrschten damit auch erstmals über Oberösterreich.

Durch den frühen Tod Leopolds IV. fielen Bayern und Österreich an dessen jüngeren Bruder Heinrich II. (1141–1177) mit dem Beinamen Jasomirgott. Unter dem neuen König Friedrich I. Barbarossa, der durch seine Herkunft – ein staufischer Vater und eine welfische Mutter – dazu prädestiniert war, den alten Konflikt der beiden Dynastien zu beenden, kam es schließlich zu einer Neuordnung der Verhältnisse in Bayern. Der Sohn des Welfen Heinrich des Stolzen, Heinrich der Löwe, sollte Bayern wieder zurückerhalten, der Babenberger Heinrich Jasomirgott im Gegenzug zum Herzog von Österreich erhoben werden; damit wurde die Markgrafschaft Österreich aus seiner Untertänigkeit unter Bayern herausgelöst. Obwohl dieser Lehensakt am Hoftag zu Regensburg (8. September 1156) vollzogen worden war, wurde neun Tage darauf zusätzlich eine feierliche Urkunde, das Privilegium minus (das „kleinere Privileg“) zum selben Anlass ausgestellt. Der Herzog von Österreich unterstand nun direkt dem Kaiser; er wurde zudem mit einigen Sonderrechten ausgestattet. Für den Fall, dass ein männlicher Erbe fehle, solle die Nachfolge auch über weibliche Nachkommen garantiert sein. Weiters wurden die Hoffahrtspflicht, also die Teilnahme an den Reichsversammlungen, und die Heerfolgepflicht für die Herzöge von Österreich gegenüber dem Kaiser bzw. König stark eingeschränkt. Der oberösterreichische Anteil am Herzogtum Österreich beschränkte sich allerdings im 12. Jahrhundert auf das Untere Mühlviertel.


Autor: Christian Rohr, 2009

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