Reformation und Renaissance – Einleitung


Antike als Vorbild
Die Zeit um 1500 ist von Umbrüchen und (scheinbaren) Widersprüchen geprägt, wir sehen in eine „Welt der Kontraste“ (Staudinger, 2010). Im ausklingenden Mittelalter griffen Humanismus und Renaissance von Italien auf die Gebiete nördlich der Alpen über. Deren Ideen entsprechend, rückte das Individuum in den Mittelpunkt des Interesses. Dies brachte einen Aufschwung der Wissenschaften und eine besondere Wertschätzung der Bildung mit sich. Naturwissenschaftliche Forschungen und medizinische Studien wurden eifrig betrieben, das Interesse an den schönen Künsten und an fremden Sprachen wuchs, wobei vor allem das Lateinische als die Gelehrtensprache fungierte. Überhaupt wurde die griechische und römische Antike in vielerei Hinsicht zum Vorbild und zum Maß aller Dinge stilisiert.

Buchdruck und Seefahrten
Alle diese Entwicklungen bahnten sich aber sukzessive an und zeichneten sich bereits in der Zeit des Mittelalters ab. So wurde auch im Mittelalter etwa in der Literatur die Antike rezipiert, bestanden die Universitäten als hoch angesehende Bildungseinrichtungen und auch medizinische Forschungen waren en vouge, allerdings fußte all dies auf einem einheitlichen, durch und durch christlichen Weltbild. Auch die Etablierung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ist ein Beispiel für einen besonders tief greifenden Wandel, der seine Wurzeln im Mittelalter hat. In der Mitte des 15. Jahrhunderts entwickelt, fand er zu Beginn des 16. Jahrhunderts rasche Verbreitung und nahm eine andere Qualität an – diese Entwicklung kam nun einer Medienrevolution gleich. Neue Ideen und neues Wissen wurden schneller bekannt, was auch der Verbreitung von Martin Luthers Lehren förderlich war. Zu dieser Zeit begann sich der Horizont der Menschen zu weiten, auch im wörtlichen Sinne, setzten doch die zahlreichen Seefahrten nach Indien und Amerika den Beginn der heute oft zitierten Globalisierung. Neue Waren, neue Pflanzen gelangten nach Europa ebenso wie das Wissen um andere kulturelle Lebensformen, die dennoch hierzulande oft auf wenig Verständnis stießen. Nichtsdestotrotz: Ein neues Weltbild entstand, befördert auch durch zahlreiche Forschungen im Bereich der Astronomie.

Reformation und Gegenreformation
Und obwohl in diesem Kontext die Kirche ihre alles bestimmende Autorität zu verlieren schien, war hierzulande um 1500 ein Höhepunkt der Heiligenverehrung sowie des Wallfahrtswesens zu verzeichnen und die Klosterreformen des späten Mittelalters führten zu einer neuen spirituellen und kulturellen Blüte der Klöster im Land ob der Enns. Die Menschen suchten offensichtlich nach Halt, schienen diesen in der Kirche aber nicht immer zu finden. So fielen die Ideen Martin Luthers, der seine 95 Thesen 1517 veröffentlichte, auf fruchtbaren Boden und fanden rasche Verbreitung, besonders auch in Oberösterreich. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts erstarkte das evangelischen Leben im Land ob der Enns immer mehr, der katholische Klerus verlor das Monopol auf die Deutung der Religion. Ab dem Ende des 16. Jahrhunderts führte aber die so genannte Gegenreformation dazu, dass das Land ob der Enns von einem fast rein evangelischen wieder zu einem –
 zumindest nach außen hin – katholischen Land wurde. In der Anfangsphase der Reformation gab es hierzulande Verfolgungen, denen die Täufer zum Opfer fielen – Verfolgungen, die auch von vielen Anhängern Luthers nicht verurteilt wurden. Ängste und Aberglaube waren fest in den Köpfen der Menschen verankert; wo keine rationalen Erklärungsmodelle die gegenwärtigen Probleme erläutern konnten, wandte man sich in allen gesellschaftlichen Schichten magischen Vorstellungen zu. So fanden die Hexenverfolgungen erst in der Frühen Neuzeit und nicht im Mittelalter ihren Höhepunkt. Der größte Hexereiprozess in Oberösterreich forderte 1694 mindestens 21 Menschenleben. Und auch judenfeindliche Vorurteile lebten weiter.

Ständisches System
Statt der mittelalterlichen Ordnung Adel – Klerus – Bauern etablierte sich die Dreiteilung in Adel (mit dem absolutistisch regierenden Monarchen an der Spitze) – Bürger – Bauern, wobei sich das Bürgertum fix in diesem System etablierte, der Klerus aber an Bedeutung verlor. Trotz dieser Veränderungen war ein Ausbrechen aus den Standesgrenzen im Prinzip nicht möglich. Gerade im 16. Jahrhundert versuchte die Landesherrschaft vermehrt, einen einheitlichen Untertanenverband zu schaffen und direkt auf die Untertanen der einzelnen Grundherrschafen zuzugreifen, um möglichst viele Abgaben zu erhalten. Dies gefiel dem grundherrschaftlichen, meist protestantischen Adel wenig, doch sein Aufbegehren gegen diese Territorialisierungsbestrebungen der Landesherrschaft half letztlich wenig.

Bauernaufstände
In diesem Kontext sind auch die Bauernaufstände des Jahres 1626 zu sehen, die sich allerdings in eine lange Kette an Bauernerhebungen vom späten 14. bis ins 19. Jahrhundert einreihen: Vor allem gegen die harten Maßnahmen der Gegenreformation, aber auch gegen die bayerische Besetzung Oberösterreichs gerichtet, wurden sie blutig niedergeschlagen. An der ständischen Gesellschaftsstruktur änderte sich denn auch bis zum Ende des 18. oder vielmehr bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Grunde wenig. Auch Martin Luther sah das ständische System als gottgewollt und somit als unumstößlich an.

Adelige Lebenswelten
Doch während das Leben der unteren Schichten nach wie vor hart und entbehrungsreich war, entwickelte der Adel ein neues Selbstverständnis, forcierte die Stilisierung des Alltags, fand eine neue Kultur der Repräsentation. Man zeigte besonderes Interesse an der Kunst, an den Wissenschaften und an allem Exotischen, was etwa die nach humanistischem Vorbild angelegten Bibliotheken und die mit zahlreichen Objekten gefüllten Wunderkammern beweisen – das Sammeln wurde zu einer Leidenschaft der Betuchten. Zu den Aufsteigern zählten aber vor allem auch die Kaufmanns- und Bankiersdynastien, welche zum Teil erheblichen Reichtum anhäufen konnten.

Zeitliche Abgrenzung
All diese zum Teil widersprüchlichen Aspekte kennzeichnen die Zeit vom Ende des 15. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, das auch als „langes 16. Jahrhundert“ bezeichnet wird. Denn auch wenn die Renaissance nördlich der Alpen erst um 1500 Fuß fasste, waren manche Einflüsse dieser Kunst- und Geistesbewegung schon im ausklingenden 15. Jahrhundert spürbar. Das Ende des „langen 16. Jahrhunderts“ wird gemeinhin mit der Schlacht am Weißen Berg bei Prag (1620) angesetzt. In unserer Darstellung gehen wir allerdings noch etwa ein Jahrzehnt weiter, da die Schlacht am Weißen Berg einen Wendepunkt darstellte, der die nachfolgenden (politischen) Entwicklungen entscheidend prägen sollte und vor allem im Zusammenhang mit dem oberösterreichischen Bauernkrieg des Jahres 1626 steht. Zudem sei der Blick - um die weitere Entwicklung zumindest zu skizzieren – in gewisser Hinsicht auch auf den weiteren Verlauf der Gegenreformation sowie den Geheimprotestantismus gerichtet.

Renaissance und Humanismus
In unserem Berichten spricht man für die Zeit vom späten 15. Jahrhundert bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts von der Renaissance. Während Renaissance (franz. Wiedergeburt) generell als Bezeichnung für die Wiederentdeckung einer vergangenen Zeit dient, ist damit primär dennoch die Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit gemeint. Der Ursprung der Renaissance liegt im Italien des 14. Jahrhunderts. Bereits Francesco Petrarca (1304–1374) glaubte an eine kulturelle Erneuerung in seiner Zeit, die durch die Wiederbelebung der Antike motiviert sei. Es sei nun eine ‚helle’ Zeit der studia humaniatis angebrochen, die sich von der ‚dunklen’ des Mittelalters absetze. Nach diesem Ideal der Antike strebten zahlreiche seiner Zeitgenossen und Gelehrte der folgenden Generationen. Giorgio Vasari (1511–1574) schrieb in seiner Kunstgeschichte bei diesem Streben nach dem antiken Vorbild dann von einer rinasciatà, einer Wiedergeburt. Daraus wurde der Begriff Renaissance. Zum allgemeinen Kulturberiff wurde Renaissance allerdings erst im 19. Jahrhundert durch den Schweizer Jacob Burckhardt (1819–1897). Während Renaissance aber eine Kunstrichtung und Geistesbewegung meint, ist unter Humanismus (lat. humanitas – Menschlichkeit) vor allem eine Bildungsbewegung zu verstehen, die sich in besonderer Weise der Philosophie, Philologie (Sprachwissenschaft) sowie dem Recht widmet und im Geiste der Renaissance steht. Beim Humanismus handelt es sich also nicht so sehr um eine Epochenbezeichnung als vielmehr um eine Lebenshaltung europäischer Intellektueller zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert. So stellt der Humanismus die Ursache der zahlreichen Wandlungen in dieser Zeitspanne und gleichzeitig auch deren Ergebnis dar.


Redaktionelle Bearbeitung: Klaus Landa, 2010

 

 

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