Von der Grenz- und Todeszone „Eiserner Vorhang“ zum Natur- und Kulturerbe Europas


Über eine Dauer von mehr als 40 Jahren erstreckte sich über tausende Kilometer quer durch Europa der „Eiserne Vorhang“, der den Kontinent in zwei strikt getrennte Hälften teilte. Von der gesamten Grenzlinie, die sich vom Barentsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte, verliefen 122 km auch entlang der oberösterreichisch-tschechischen Grenze. Als es nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zur Besetzung der Gebiete der Verliererstaaten kam, zeichnete sich zunehmend die Tendenz zur Flucht aus den kommunistisch besetzten Gebieten ab – ein Grund, dass der „Eiserne Vorhang“, der 1946 noch als Metapher zu verstehen war, zunehmend auch zu einer physisch total abgeriegelten Grenze ausgebaut wurde. Die Situation einer unüberwindbaren, todbringenden Barriere zwischen West und Ost prägte das Leben der Bevölkerung an den Grenzgebieten entscheidend.

Das "Grüne Band Europas" als Naturerbe
Nach dem „Fall des Eisernen Vorhanges“ vor 25 Jahren und dem physischen Abriss der Grenzbefestigungen und Wachtürme, der Beseitigung der Minen, dem Forträumen der Stacheldrahtzäune, blieb an dessen Stelle ein zaghaftes „Niemandsland“ zurück, das über einen langen Zeitraum hinweg nahezu unberührt sein Dasein gefristet hatte. In dieser 45 Jahre lang, vom wirtschaftlichen Fortschritt unbeeinflussten Umwelt konnte sich eine ganz andere Artenvielfalt entwickeln als in den von Menschen bearbeiteten und bewohnten Gebieten dies- und jenseits der Grenze. Dies war in naturschutzfachlichen Untersuchungen schon Jahre vor dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ erkannt und teilweise untersucht worden. Nachdem der „Eiserne Vorhang“ gefallen war, entstand auf Initiative einer Gruppe junger deutscher Naturschützer um die Person Kai Frobel [http://de.wikipedia.org/wiki/Kai_Frobel] bereits im Dezember 1989 die Idee, diesen schmalen Streifen Erde als anspruchsvolle Naturschutzzone langfristig zu erhalten. Die Idee des „Grünen Bandes“ war geboren. In den auf die „Wende“ folgenden Jahren griffen immer mehr Länder – insgesamt verlaufen 24 Länder an der Grenze des „Eisernern Vorhangs“ – die Gedanken der deutschen Naturschützer auf. Die nachhaltige Erhaltung dieser bedeutungsvollen Natur- und Kulturlandschaft war zu einem europäischen Anliegen geworden. Aus dem Gebiet, das lange Zeit von Bewachung, Verfolgung und Tod geprägt war, sollte ein neuer Lebensraum für gefährdete Tier- und Pflanzenarten werden.

Heute wird das insgesamt 12.500 km lange „Grüne Band“ in mehrere Zonen eingeteilt, die je nach Landschaftstyp, nach geologischen oder naturkundlichen Voraussetzungen, spezielle Schwerpunkte des Natur- und Artenschutzes verfolgen. Wie vielfältig sich die Landschaften vom nördlichen Eismeer bis zur Schwarzmeerküste darstellen, zeigt sich an der regionalen Einteilung, die von der subpolaren Tundra, über Finnisch-Karelisches Wald- und Seenland, über die Ostseeküste, das Norddeutsche Tiefland, das Europäische Mittelgebirge, die Mittel- und Südosteuropäischen Niederungen, die Südostalpen, das Südosteuropäische Hochgebirge, die Großen Seen des Balkans, bis hin zu Mediterranen Küstenniederungen und den Südosteuropäischen Tafelländern und die Schwarzmeerküste reicht. (vgl. Das Grüne Band Europas. 2009, S. 22)

Im oberösterreichisch-tschechischen Gebiet, das sich geologisch der Böhmischen Masse oder allgemeiner gefasst dem „Europäischen Mittelgebirge“ zuordnen lässt wird beispielsweise dem vom Aussterben bedrohten Luchs und der Wildkatze, die Möglichkeit geboten, ihre ursprünglichen Lebensräume zurückzuerobern. (vgl. ebd., S. 22). Projekte, wie beispielsweise das Naturinformationszentrum „Mühlviertler Waldhaus“ in Windhaag arbeiten aktiv an der Unterstützung und Erhaltung dieser ökologisch bedeutsamen Landschaft und am Erhalt der Artenvielfalt und der Wiedereingliederung vom Aussterben bedrohter Arten sowie an der naturtouristischen Nutzung der Landschaft des „Grünen Bandes“.

Die ehemalige Todeszone des „Eiserner Vorhangs“ als „Historische Kulturlandschaft“ – Das „Grüne Band Europas“ als zukünftiges UNESCO Welterbe?
Neben dem Ansatz des „Grünen Bandes“, der überwiegend auf dem naturschützerischen Anliegen aufbaut, besteht auch der Ansatz der „memorialen Kulturlandschaft“, als welche das ehemalige Gebiet des „Eisernen Vorhanges“ außerdem zu verstehen ist. Die über Jahre hinweg bestehende, Grenz- und Todeszone, in der hunderte Menschen ums Leben kamen, stellt eine ganz wesentliche Erinnerungslandschaft von europäischer und weltweiter Bedeutung dar. Hans Peter Jeschke sieht im „Eisernen Vorhang“ eine „räumliche und ideologische Manifestation einer die ganzen Welt erfassende Blockbildung in West und Ost, die weit über Zentraleuropa hinauswirkte“ (Jeschke, 2012, S. 463) Zwar seien mittlerweile viele zeithistorische bedeutsame Relikte des ehemaligen Grenzsystems verschwunden, die Erinnerung und das Gedächtnis an den Schrecken der Zeit jedoch besteht weiter und gewinnt sogar zunehmend an Bedeutung. (vgl. ebd.) Das Fehlen materieller Reste hat viele Gedenkstätten, Mahnmale und Museen hervorgebracht, die sich mit diesem immateriellen Erbe auseinandersetzen und den Menschen die Möglichkeit zur Information, zur Auseinandersetzung und zum Gedenken bieten.

Derzeit wird im Rahmen der bestehenden Projekte, die im Kontext zum „Grünen Band“ stehen, jedoch hauptsächlich der naturschützerische Gedanke protegiert, der Ansatz der „Historischen Kulturlandschaft“ und die historisch-geographische Dimension des ehemaligen Grenzsystems „Eiserner Vorhang“ (ebd. S. 468f.) würde nur marginal behandelt. Diese wären, so Jeschke, aber immens wichtig, da sonst die Gefahr einer „Enthistorisierung der Landschaft“ bestünde und die Begegnung der Menschen mit der Grenze, dem Grünen Band, auf das „Wo“ (Wo war der „Eiserne Vorhang“?) mit einhergehendem Verlust des „Was“ (Was war der „Eiserne Vorhang“ und welche Bedeutung hatte die Grenze?) reduziert werden würde.

Für die weiteren Entwicklungen auf internationaler Ebene sollte es gelingen, die beiden Konzepte – das „Grüne Band Europas“ in der ehemaligen Zone des „Eisernen Vorhanges“ als schützens- und erhaltenswerte Naturlandschaft und als „Historische Kulturlandschaft“ – gleichermaßen anzuerkennen. Hierzu operiert Hans Peter Jeschke mit den Begriffen der „Layer“: Beide Ideen müssten aufgegriffen und als Ebenen übereinandergelegt werden, um in ihrer Wertigkeit gleichgestellt zu werden. Dieser Ansatz sollte für die geplante Einreichung des „Grünen Bandes Europas“ als UNESCO-Welterbe jedenfalls Berücksichtigung finden.

Verwendete Literatur

  • Das Grüne Band Europas. Grenze. Wildnis. Zukunft. Begleitbroschüre zur Ausstellung. (=Kataloge der Oberösterreichischen Landesmuseen N.S. 89), Linz 2009
  • Jeschke, Hans Peter:  Das Grüne Band und der Eiserne Vorhang – Das Europäische Grenzsystem des Kalten Krieges zwischen Natur- und Kulturerbe der Europäischen Union und der UNESCO. In: Jeschke, Hans Peter u. Peter Mandl (Hrsg.): Eine Zukunft für die Landschaften Europas und die Europäische Landschaftskonvetion. Institut für Geographie und Regionalforschung an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Klagenfurter Geographische Schriften, Heft 28. S. 463-487.
  • Jeschke, Hans Peter: 24 Staaten und ein Erbe. In: Die Presse, 19.07.2014
  • Karner, Stefan: Halt! Tragödien am Eisernen Vorhang. Die Verschlussakten. Salzburg 2013.


Der vorliegende Beitrag stellt eine Kurzzusammenfassung der wesentlichsten Aspekte der angeführten Literatur dar. (Redaktion: Elisabeth Kreuzwieser)

 

 

 

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