Der Sensenhandel


Was immer im Laufe der Jahrhunderte in der Eisenwurzen erzeugt wurde und wohin es auch exportiert wurde, alles wurde überragt von der Sensenerzeugung im Kremstal um Kirchdorf und Micheldorf. Ähnlich wie den Steinbachern bei den Messerern gelang es den Micheldorfern, in das an sich städtische Handwerk der Sensenerzeuger einzudringen. Im Urbar der Herrschaft Pernstein von 1498 sind bereits sechs Betriebe angeführt, welche die Wasserkraft der Krems zu nutzen. Für 1536 sind Sensenschmiede als Bürger von Kirchdorf genannt und 1574 befahl Kaiser Maximilian II., dass die Kirchdorfer Sensenschmiede bevorzugt mit Stahl zu beliefern seien und annähernd Jahre später wurde den Hammerwerken bereits verboten, Sensenknüttel herzustellen. Bald darauf wurde in Kirchdorf eine überregionale Sensenschmiedezunft aufgerichtet, der zu Beginn 44 Betriebe angehörten, davon 13 allein in Micheldorf. 100 Jahre später betrug der Ausstoß einer einzigen Schmiede schon 30.000 Sensen pro Jahr. Hochgerechnet auf 50 Betriebe ergab das eine Produktion von 1,5 Mio. Stück.

Was war tatsächlich passiert? Zunächst dürften die Krichdorfer/Micheldorfer erkannt haben, dass die Wasserkraft der Krems spielend ausreicht, um die benötigten Sensenknüppel (= der Rohling) aus dem harten Scharsachstahl für die Schneide und Weicheisen für das Blatt selbst zu schmieden. Entsprechende Hämmer und Essen wurden aufgestellt und eingerichtet. Dann gelang es dem Scharnsteiner Sensenschmied um 1585, einen radbetriebenen Breithammer zu entwickeln, der die Handarbeit ablöste, denn bis dahin waren die Sensen „mit der Faust“ gearbeitet worden.

Begünstigend kam hinzu, dass zur gleichen Zeit das Messererhandwerk einen starken Einbruch erlitt, sodass viele Klingenschmiede „frei“ wurden und als Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Ferner war es den Kirchdorfern z.T. und vorübergehend gelungen, die Steyrer als „Verleger“ abzuschütteln. Die Kundschaft konnte direkt beim Werk einkaufen, was aber einem „Fürkauf“ gleichkam. Zwischen 1661 und 1728 war der Sensenhandel in Form eines „Appalts“ theoretisch verstaatlicht, dann konnte er sich wieder frei entwickeln.

Im Jahre 1628 passierten die Donaumaut zu Aschach 52.510 Sensen, 1675 waren es 122.000, 1700 zählte man 177.575 und 1750 war die Zahl 222.500 erreicht. Strohmesser stiegen von 9.282 im Jahre 1628 auf 60.650 im Jahre 1700. Ähnlich exponentiell war die Steigerung der Maut in Freistadt: 1633 passierten hier 148.700 Sensen, 1655 waren 191.980 und 1700 kam man auf 436.375 Stück. 1749 wurden nur mehr 331.945 Sensen vermautet. Die Hälfte bis zu zwei Drittel der in Freistadt vermauteten Sensen wurden von Breslauer Bürgern aufgekauft, die mit dem Niederlagsrecht nach Osten privilegiert waren und den Handel mit Russland kontrollierten. Im 18. Jahrhundert machte ihnen die Stadt Krakau dieses Vorrecht streitig.

Nach dem Verlust Schlesiens an Preußen und der Einführung neuer Schutzzölle durch Maria Theresia (1753/54) zogen die Leipziger Messen den Sensenhandel an sich. Der Zielmarkt blieb derselbe, wenn die Ware jetzt auch einen größeren Umweg zu nehmen hatte. Sie gelangte von Leipzig, aber auch aus Regensburg nach Lübeck, wo sie nach Riga eingeschifft wurde, um letztlich als „Leipziger-“ oder „Regensburger Sensen“ von dort wieder in Russland zu landen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden auf diesem Weg jährlich um die 300.000 Sensen aus dem Lande ob der Enns verhandelt. Erst zu Ende dieses Jahrhunderts konnte wieder der kürzere Weg auf der Donau und dem Schwarzen Meer befahren werden.
Mengenmäßig belief sich der Sensenhandel in den Westen nur auf die Hälfte. Über Regensburg, Nürnberg und Frankfurt gelangte die begehrte Ware an die Atlantikhäfen, von wo sie nach Übersee gebracht worden ist.

Zu fragen ist, warum die Sensenproduktion abgesehen von den technischen Verbesserungen exorbitant gestiegen ist, und warum abgesehen von der offentlichtlich sehr hohen Qualität alle Welt Sensen aus Oberösterreich brauchte. An vermehrtem Getreideanbau konnte es nicht liegen, denn dieses wurde, um den Körnerverlust zu vermeiden nach wie vor mit der Sichel geerntet. Also muss die Ursache in der Graswirtschaft zu suchen sein, die wiederum mit der ganzjährigen Stallhaltung des Viehs zusammenhängen könnte, welches zuvor so bald und so lange im Jahr als möglich auf der Weide gehalten wurde.


Autor: Willibald Katzinger: (Auszug aus: Ders.: Vom Handel in alten Zeiten. In: Der Handel in Oberösterreich. Linz 2002)

 

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