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"heimatkunde.update" – Ein Zukunftsprojekt fĂŒr die Heimatforschung

Wie sieht Heimatforschung aus, wenn es nicht Erwachsene machen, sondern um vieles jĂŒngere, die Millennials? Die Kinder, die im 21. Jahrhundert geboren werden und aufwachsen, die jetzt zur Schule gehen! In den Leader-Regionen des Traunviertels rund um Steyr fand sich nun ein Initiative, die dieses Problemfeld intensiv bearbeitet.

Workshop "heimatkunde.update" im MĂ€rz 2019 (c) Viktoria Templ

Nature of Innovation - ein Zukunftsgestaltungsprojekt in den Regionen Nationalpark Kalkalpen, Traunviertler Alpenvorland, Linz-Land und der Stadt Steyr

"heimatkunde.update"
Vor ziemlich genau hundert Jahren begann in Oberösterreich die Heimatforschung eine Verbindung mit Schulen einzugehen. Persönlichkeiten der heimischen Forscherszene wie Franz Berger, Adalbert Depiny oder Eduard Kriechbaum engagierten sich bei der Implementierung des Fachs „Heimatkunde“ im Unterricht bzw. bei der Lehrerschaft. In diesen hundert Jahren ist viel Positives auf dem Gebiet der Heimatforschung und im Sachkundeunterricht geschehen, selbstverstĂ€ndlich hat sich einiges ĂŒberholt und einiges selbsterneuert, aber die Relevanz eines Updates ist unleugbar. Allein was das Unterrichtsmaterial fĂŒr PĂ€dagogInnen in den Volksschulen betrifft: Es ist an nicht wenigen Standorten veraltet, sprich: untauglich. Gutes Material gibt es da, wo LehrerInnen sich darum bemĂŒhen, die persönliche Verbindung zum Ort und zur Gemeinde pflegen, meist intrinsisch motiviert, bereit in der Vorbereitung Extrameilen zu gehen, ĂŒber das Stundenmaß hinaus. Also ein keineswegs selbstverstĂ€ndlicher Umstand und nicht einforderbar. So entstand als erste Projektidee: Den LehrerInnen Unterrichtsmaterialien ĂŒber ihre Heimatgemeinden in die Hand zu geben bzw. den allgemeinen Wissensstand fĂŒr GrundschulpĂ€dagoginnen auf einen zeitgemĂ€ĂŸen, europĂ€ischen Stand zu bringen. Heimatforscher sollten ihre aktuellen Erkenntnisse einfließen lassen. Um Institutionen und Personen zu vernetzen, bedienten wir uns des Zukunftsgestaltungsprojekts NOI (nature of innovation), das moderierte Workshops mit der Methode des „design thinkings“ in den besagten Leader-Regionen anbietet.

Dazu luden wir in einem weiten Bogen PĂ€dagogen verschiedenster Schultypen und aller Altersgruppen, Gemeindevertreter, Museumskuratoren, Wissenschaftler, Sozialmanager und KĂŒnstler. Was diese Gruppe einte, war das gemeinsame Interesse an Heimatforschung, an Kulturvermittlung, an sozialer Integration und an Bildung, vor allem an kultureller Bildung. Und dann wohl auch noch eine aufgeweckte kreative Neugierde. Es sind Querdenker und allesamt Suchende nach Verbesserungen.

Diese Zusammensetzung war inspirierend: Denn was sich bald als Ziel herauskristallisierte, war mehr als nur Unterrichtsmaterialien fĂŒr Volksschulen anzubieten. Wir spĂŒrten, dass es höchst an der Zeit sei, sich ĂŒber eine VerjĂŒngung der Heimatforschung Gedanken zu machen und vielleicht sogar an einer Neupositionierung zu arbeiten zu beginnen, also den Fokus radikal auf nĂ€chste Generationen zu richten: So wie es Wirtschaftsunternehmen offensiv tun und wie es gesamtgesellschaftlicher Mindeststandard ist, nĂ€mlich fit fĂŒr die Zukunft zu sein. Dabei geht es darum, das richtige Maß an Niederschwelligkeit zu finden, um die Kunst der VergegenwĂ€rtigung, um den Umgang mit ZeitgemĂ€ĂŸen. Museen, KonzertsĂ€le und Theater wĂŒrden dazu sagen: audience developement, also die Selbstbeauftragung, dorthin zu gehen, wo das klassische Zielpublikum und herkömmliche Ansprechpublikum nicht ist, um neue Interessenten zu fĂŒr seine Kunst zu finden.

Es ist eben nicht mit der technologischen Form getan, Angebote zu digitalisieren und Geschriebenes durch ein modernes Medium zu ersetzen oder durch neue soziale Medien zu transportieren. Sondern es ist notwendig, MentalitÀten zu verstehen und sich verstÀndlich zu machen, interessant zu werden und doch authentisch zu bleiben, kurz: einen partizipativen Prozess zuzulassen.

„Wie kann man Kinder in ihrer Entwicklung zu Heimatforscher_innen unterstĂŒtzen“, wurde zur Leitfrage? Und daran schlossen sich bald einige andere an: Was können wir ihnen zumuten? Was zutrauen? Wie frei und selbstverstĂ€ndlich schauen sich Kinder um in der Welt? Wie sichtbar sind ihnen die fĂŒr uns so typischen, wichtigen Dinge in der Region? Was mĂŒssen wir ‚Verwurzelte‘ tun, damit uns zugehört wird? Was muss entstaubt werden, damit eine ‚Story‘ erzĂ€hlt werden kann, die emotional packt? Dabei positionierten wir das „Heimatforschen“ als ein Teil der kulturellen Bildung, als Erstkontakt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und als eine Möglichkeit der emotionalen Einbindung in eine Region, im Grunde als eine SchlĂŒsselfertigkeit fĂŒr das Erkennen seiner Welt. Bei Heimatkunde geht es nicht bloß um Landes- oder Ortskunde, denn Heimat soll umfassender, quasi globaler verstanden werden, nĂ€mlich als „Welt in unmittelbarer Reichweite“. Und Heimatforschung lebt von der spielerischen Freude, von der EmotionalitĂ€t. Wir mĂŒssen Platz geben, um Emotionen zu schĂŒren, und Platz haben, um Wissen zu vermitteln!

In den Workshops entstanden Modelle, wie jeder Ort fĂŒr sich selbst, gemĂ€ĂŸ seinen kulturellen Ressourcen, ein spielerisches Heimatkunde-Vermittlungskonzept realisieren könnte. In einer nĂ€chsten Stufe sollten in ausgewĂ€hlten Gemeinden die praktische Testung bzw. Umsetzung erfolgen. Die Ausweitung der erfolgreichen Prototypen auf das ganze Land ist die logische Konsequenz.

Heimat braucht Menschen, die sie kennen, die sie mögen und die sie gestalten. Den Weg dorthin zu weisen, nennen wir Heimatforschung. Und man kann nie frĂŒh genug damit anfangen. Das wurde uns deutlich.

Dann hat Heimatforschung kein Nachwuchs-Problem, dann hat es eine Nachwuchs-Chance! Wenn es wirklich um das Interesse der Kinder und Jugendlichen dafĂŒr geht. Sie dĂŒrfen nicht bloß als ‚Kunden‘ gesehen werden, die es fĂŒr traditionelle TĂ€tigkeiten zu gewinnen gilt, sondern als Generation, die eigene Interessen hat, als Menschen, die mit Neugierde gesegnet sind und bereit sind, die Welt, in der sie leben kennenzulernen – auch in deren zeitlichen Dimension – und zu ihr eine positive emotionale Beziehung aufzubauen.

Mag. Siegfried Kristöfl, April 2019

Historiker, Leiter des Ausbildungslehrgangs Heimatforschung
der AVK Oberösterreich

Weitere Informationen zum Projekt siehe:
https://www.nature-of-innovation.com/projekte/heimatkunde-update/

 

 

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