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Enrica von Handel-Mazzetti (1871-1955)


FrĂŒhe Jahre

Enrica von Handel-Mazzetti wurde als Halbwaise am 10. Januar 1871 in Wien, im dritten Bezirk, Rennweg 41, geboren; der Vater, Heinrich Freiherr von Handel-Mazzetti, Hauptmann der Infanterie, war bereits im September 1870 verstorben. Als die Mutter, Irene Csergheö von Nemes-Tacskand, mit der Erziehung der beiden Töchter Elvira (geboren 1869) und Enrica ĂŒberfordert scheint, ĂŒbernehmen Verwandte die Vormundschaft.
Enrica wird bis zu deren Tod bei unverheirateten Geschwistern des Vaters leben; dem Onkel Anton von Handel-Mazzetti, der aus beruflichen GrĂŒnden zuerst nach Steyr, 1911 als LandesgerichtsprĂ€sident schließlich nach Linz ĂŒbersiedelt, folgt sie gemeinsam mit der Tante Louise, wo sie auch nach beider Tod bleibt; sie stirbt schließlich 1955 in der Wohnung der Familie in der Spittelwiese 15.

Bereits sehr frĂŒh interessiert sich Handel-Mazzetti fĂŒr Literatur und Theater, diese Neigung wird im Institut der Englischen FrĂ€ulein in St. Pölten, das die Schwestern Elvira und Enrica nach Privatunterricht und Erziehung in einer Wiener BĂŒrgerschule 1886/87 fĂŒr ein Schuljahr besuchen, unterstĂŒtzt, - erste StĂŒcke entstehen und kommen im Rahmen von Schultheaterinszenierungen zur AuffĂŒhrung. 1890 erscheint im „St. Angela Blatt“ unter dem Pseudonym „Marienkind“ ein Text unter dem Titel „Als die Franzosen in St. Pölten waren“, 1892 folgen in einem fĂŒr WohltĂ€tigkeitszwecke herausgegebenen Album die ersten literarischen Texte Enricas; mit Arbeiten fĂŒr Familien-Zeitschriften (wie dem „Apostolat der christlichen Tochter“, „Die christliche Familie“ u. a.), aber auch dem Feuilleton der „Wiener Zeitung“ (hier trifft Handel-Mazzetti auf den Redakteur Friedrich Uhl, Schwiegervater von August Strindberg) tritt Handel-Mazzetti um die Jahrhundertwende an die Öffentlichkeit, wird rasch bekannt und besonders in katholischen Kreisen erfolgreich.

Veröffentlichungen, Erfolg und Schwierigkeiten
Nach der Veröffentlichung von „Jesse und Maria“ in der von Carl Muth herausgegebenen Reform orientierten Zeitschrift „Hochland“ (ab 1904, Buchausgabe 1906 im Kösel Verlag, MĂŒnchen) gerĂ€t Enrica von Handel-Mazzetti 1909 durch BeitrĂ€ge eines Schweizer Kulturhistorikers ins Zentrum der sogenannten Modernismusdebatte. Aufgrund einer nicht eindeutig positiven Gestaltung der katholischen Protagonisten und einer durchaus spĂŒrbaren Sympathie der Autorin fĂŒr den protestantischen Helden der Geschichte droht die Indizierung des Romans. Über eine in etlichen Zeitungen abgedruckte ErklĂ€rung, eine Art Unterwerfung unter die AutoritĂ€t des Papstes auch in kĂŒnstlerisch-Ă€sthetischen Fragen, kann Handel-Mazzetti dies abwenden.

Bereits mit „Meinrad Helmpergers denkwĂŒrdiges Jahr“ (erschienen 1897, 1900 als Buch) hatte Handel-Mazzetti ein Publikum weit ĂŒber das regionale und auch ĂŒber das katholische hinaus gefunden, - die historischen Romane „Die arme Margaret“ („Deutsche Rundschau“ 1908, als Buch 1910) und die Trilogie „Stephana Schwertner“ (1912/13), angesiedelt in Steyr, erschienen jeweils zuerst in Fortsetzungen in Zeitschriften, dann in Buchausgaben, und fĂŒhren die Dichterin in Richtung des Höhepunktes ihrer Laufbahn, mit hohen Auflagenzahlen, einer begeisterten Leserschaft und einer Vielzahl von Rezensionen im gesamten deutschen Sprachraum.

Stil und Thema
Charakteristisch fĂŒr den Stil der Autorin sind besonders die expressiv gestalteten Einzelszenen, ausfĂŒhrlich gemalte zuweilen durchaus blutrĂŒnstige tableaux vivants, die eine eher additiv angelegte ErzĂ€hlstruktur beleben, dabei eine gewisse NĂ€he zur Trivialliteratur zeigen. Bemerkenswert in den zahlreichen Dialogen scheint besonders der Gebrauch eines Dialekts, der sich weder regional noch sozial festmachen lĂ€ĂŸt, jedoch konsequent archaisierend angewendet wird. Historische Sprachformen werden angereichert mit historisierenden Diminutiva, die der hĂ€ufig kindlich-naiven Zeichnung der Helden entsprechen.
Die Themen Glaube, Bekehrung, Keuschheit und BedrÀngung beschÀftigen Handel-Mazzetti zeitlebens und im gesamten Werk in unterschiedlicher Form.
In den Geschichten um Rita, eine ehemalige KlosterschĂŒlerin, verarbeitet Handel-Mazzetti in „s’Greterl vom Diamantengrund“, „BrĂŒderlein und Schwesterlein“ (1902), „Ritas Briefe“ (1914/15) und „Ritas VermĂ€chtnis“ (1924) auch autobiographische Erfahrungen der Zeit in St. Pölten in unterschiedlichen formalen Möglichkeiten.
WĂ€hrend „BrĂŒderlein und Schwesterlein“ im Stil des Kolportageromanes vom Schicksal eines zur Ehe mit einem reichen Mann gezwungenen MĂ€dchens erzĂ€hlt, wird dasselbe Thema in „Ritas Briefen“ als Briefroman aus Sicht der Protagonistin gestaltet; „Ritas VermĂ€chtnis“ berichtet von der WirkmĂ€chtigkeit der wie Reliquien verehrten, im Kloster Marienfried in St. Yp aufbewahrten Briefe, die einen zu ihrer Vernichtung entsandten Freimaurer bekehren.

VerÀnderungen
Bereits mit dem Untergang der Monarchie verliert die Autorin langsam an Terrain, das Publikumsinteresse beginnt, trotz vermehrter Produktion, zu sinken. In rascher Folge entstehen: „Der deutsche Held“ (1919), „Johann Christian GĂŒnther“ (1921/22) sowie die Trilogie um den Mörder des August von Kotzebue, Karl Ludwig Sand (1924 -1927: „Das Rosenwunder“, „Die deutsche Passion“, „Das Blutzeugnis“), die Trilogie „Frau Maria“ (1928-1931: „Das Spiel von den zehn Jungfrauen“, „Das Reformationsfest“, „Die Hochzeit von Quedlinburg“).

Handel-Mazzettis Leben verlagert sich ab den 1920er Jahren, nach einem letzten lĂ€ngeren Aufenthalt in Maria Taferl, zunehmend in die Abgeschiedenheit der eigenen WohnrĂ€ume, beinahe obsessiv gefĂŒhrte Briefbeziehungen mit Leserinnen und Lesern, Herausgebern, Verlegern, Germanisten, Geistlichen, Verwandten und Freunden werden das eigentliche Zentrum eines Lebens im Schreiben. Zu den Korrespondenzpartnern gehören neben Schriftstellerkolleginnen (von Marie von Ebner-Eschenbach bis zu Maria Peteani) und Familienmitgliedern vor allem Kritiker und Rezensenten, die sorgfĂ€ltig gepflegten Beziehungen sind Teil von Selbstvergewisserung ebenso wie Selbstvermarktungsstrategien.

1933 tritt Handel-Mazzetti nach der Tagung von Ragusa aus dem internationalen PEN-Club aus und wird Mitglied des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller, sie engagiert sich wie frĂŒher fĂŒr die Versorgung von bedĂŒrftigen Kindern und richtet Gnadengesuche fĂŒr katholische Geistliche an Behörden. Bei Kriegsausbruch flĂŒchtet sie sich ins Kloster der Elisabethinen in Linz, wo eine ehemalige Hausangestellte als Ordensangehörige lebt. Ab Anfang der 1940er Jahre werden keine Werke Handel-Mazzettis mehr gedruckt. Ihre politische Haltung ist gekennzeichnet von Weltferne, NaivitĂ€t und Verunsicherung. Kriegsbedingt erscheinen die Romane um den Starhemberger Graf Reichard (1934: „Die Waxenbergerin“, 1939-1950: „Der Held vom Eisernen Tor“, „Im stillen Linz“ und „Held und Heiliger“) ĂŒber einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt und können nicht mehr an frĂŒhere Erfolge anknĂŒpfen. Die Dichterin stirbt am 8. April 1955, einem Karfreitag.

Trotz etlicher Neuauflagen ihrer Werke, zahlreicher Bearbeitungen (sogenannter Volksausgaben), Vertonungen, Dramatisierungen und sogar Verfilmungen sind Enrica von Handel-Mazzetti und ihr Werk von der Literaturkritik beinahe vergessen, - die verbliebenen Freunde und vom Wert ihres Schreibens ĂŒberzeugte Verehrer bemĂŒhen sich erfolglos um eine Wiederentdeckung.

Der Nachlass
Der umfangreiche Nachlass wird, dem Wunsche der Dichterin entsprechend, dem Land Oberösterreich ĂŒbergeben, nachdem er beinahe zwei Jahrzehnte in der Linzer Studienbibliothek (=OÖ. Landesbibliothek) zur Vorbereitung einer Biographie aufbewahrt worden war, kam er zur Erschließung und Bearbeitung ins Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich (OÖ. Literaturarchiv), wo er betreut und auch die Urheberrechte am Werk Handel-Mazzettis verwaltet werden.

Autorin: Petra-Maria Dallinger

 

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