Musikgeschichte des Zisterzienserstiftes Wilhering


Wilhering wurde 1146 von den Herren von Wilhering als Zisterzienserabtei gestiftet und von Mönchen aus Rein/Stmk. besiedelt. Nach diversen Anfangsschwierigkeiten musste 1185 eine neue Mönchskolonie aus der Abtei Ebrach in Franken das fast ausgestorbene Kloster besiedeln. Erst 1254 konnte die romanische Klosterkirche geweiht werden. Später war Wilhering selbst in der Lage 1260 das Kloster Hohenfurt/Böhmen, 1295 Engelszell und 1338 Säusenstein/NÖ. zu besiedeln.

Strenge Regeln
Die zentralistische Gesetzgebung des Ordens forderte in allen Klöstern eine einheitliche Befolgung der Regel des hl. Benedikt, der monastischen Usancen und der liturgischen Ordnung. Die Klosterkirchen dienten ausschließlich der Mönchsliturgie, in der nur einstimmiger Gesang in der Text- und Melodiefassung der Zisterziensischen Choralreformen erlaubt war. Der Cantor hatte den Gesang im Gottesdienst, die musikalische Schulung der Mönche und das Skriptorium zu leiten.

Neue Musikformen
Die ab dem 13. Jahrhundert voranschreitende allmähliche Lockerung der ursprünglich sehr strengen Vorschriften des Ordens (deutlich erkennbar in der Kunstpflege) ermöglichte bei besonderen Anlässen neu entstehende Musikformen zu pflegen. Erst zu Anfang des 14. Jahrhunderts wurde auch den Gläubigen der Besuch der Klosterkirche erlaubt, was sich ebenso auf die Musikpflege auswirkte.

Die um 1354/55 errichtete Orgel dürfte in der Klosterkirche verwendet worden sein. In der um 1400 gebauten Pfortenkapelle wurden ausschließlich für die Gläubigen der Umgebung Gottesdienste (Volksliturgie) gefeiert.
Das Skriptorium konnte anfangs nur das Notwendigste herstellen, wie Urkunden, Verträge, Bücher für die Liturgie und monastisch-aszetische Schriften. Für die Besiedlung der Tochterklöster musste auch eine Grundausstattung an liturgischen Büchern abgeschrieben werden. Als Schreiber von Musikhandschriften ist allerdings nur Fr. Bernhard um 1420 bekannt.

Klosterschule
Die Klosterschule diente als schola interna nur der Unterweisung des Ordensnachwuchses in den Trivialfächern, im geistlichen Schrifttum und im liturgischen Gesang, der anfangs auf Grund der Beschlüsse des Generalkapitels ausschließlich als einstimmiger Liturgiegesang gepflegt wurde. Das nach 1384 neben der Universität Wien errichtete Studienkolleg der Zisterzienser besuchten auch Mönche aus Wilhering. Dadurch kam humanistisches Denken in das Kloster, aber auch musiktheoretische Kenntnisse, was zwei fragmentarische Aufzeichnungen belegen, und neue Formen der liturgischen Musikpraxis. Das nur fragmentarisch erhaltene mit schwarzer Mensuralnotation aufgezeichnete mutetum de beata virgine mit dem Textanfang „Imperatrix supernorum civium“ stammt aus dem 14. Jahrhundert und gilt als eine Stimme einer mehrstimmigen Komposition oder auch nur als einstimmiges Lied.

Geistige Erneuerung
In der Zeit der Glaubensspaltung erlebte das Kloster einen Niedergang, dem durch die geistige Erneuerung ab dem Anfang des 17. Jahrhunderts eine neue Blütezeit folgte. Wesentliche Impulse erhielt das Kloster Wilhering vor allem vom Collegium Germanicum Hungaricum in Rom und von der ebenfalls von den Jesuiten geführten Universität Graz. Auch die Musikpflege ist weitgehend dadurch geprägt worden, was der noch zu Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte Ankauf von Musikalien mit älteren und zeitgenössischen Werken (Jacob Regnart, Leonhard Paminger, Leonhard Lechner, Lodovico da Viadana, Heinrich Isaak, Orlando di Lasso) bezeugt. Kleinere Orgelinstrumente in Kloster- und Pfortenkirche sind ebenfalls nachgewiesen. 1587 sind ein Organist und ein Schulmeister bezeugt. Lehrer und Schüler der ziemlich kleinen Klosterschule besorgten auch die mehrstimmige Kirchenmusik.

Das Generalkapitel von 1601 forderte nachdrücklich den einstimmigen Choralgesang. Dazu mussten ältere Choralhandschriften ergänzt bzw. einige neue angefertigt werden. Als Schreiber sind P. Andreas Grasmann († 1646), P. Nikolaus Prausser (1617) und P. Augustinus Kempff bezeugt.

Im Zuge der Instandsetzung der verwahrlosten Klosterkirche ließ man von Paul Peuerl 1620 eine Orgel (II/20) auf der neu eingebauten Westempore errichten. Zum Orgelspiel erließ das Generalkapitel entsprechende Anweisungen. Als Organist ist allerdings nur Adam Sebastian Semler († 1639), der 1626 als Küchenmeister genannt ist, bezeugt.

Barocker Wiederaufbau
Eine Brandkatastrophe zerstörte 1733 die Kirche samt Orgel, Musikinstrumenten und Musikalien. Darauf folgte der Neubau der Klosterkirche mit Rokokoausstattung. Die um 1740 gebaute Hauptorgel (II/26) dürfte auf Grund der Prospektgestaltung Johann Ignaz Egedacher zuzuschreiben sein, die Chororgel (I/8) als Gegenstück zur Kanzel wurde 1746 von Nikolaus Rummel gebaut. Ein Musikinstrumenteninventar (1773) dokumentiert einen umfangreichen Instrumentenbestand.

Barocke Kirchenmusik
Chorregenten und Organisten erwarben bzw. kopierten Musikalien, mit Schwerpunkt auf Komponisten, die an der kaiserlichen Hofkapelle, an großen Kirchen Wiens und an den Klöstern des Landes tätig waren. Das Amt des Regens chori versahen Konventualen meist nur wenige Jahre. Keiner ragt durch eine besondere Musikausbildung hervor.Vom in der Literatur mehrmals genannten Organisten und Komponisten P. Ludwig Schlechta ist nichts erhalten. Von P. Leopold Hölzl (1698–1733) ist eine Pastorella überliefert. P. Michael Pfleger (1750–1805), Cantor und Regens chori, ist mit zwei Kompositionen des Tantum ergo vertreten. Franz de P. Roser von Reiter (1779–1830), der bereits früh in Wien eine gute Musikausbildung genossen hatte, war nur kurze Zeit Novize in Wilhering. Der Organist Simon Anton Weiss († 1782) war schon vor 1750 bis zu seinem Tod als Tafeldecker, Bassist und Kopist tätig. Auch Franz Xaver Weinwurm dürfte bereits vor 1750 als Organist tätig gewesen sein, 1761 wird er als Organist der Stadtpfarrkirche Eferding genannt. Von seinen Kompositionen sind vier Messen und eine Litanei erhalten.Neben einer kleinen Gruppe von Sängerknaben wirkten auch andere Bedienstete und vermutlich die Türmer von Eferding an der Kirchenmusik in Wilhering mit.

Nach wie vor war im kanonischen Stundengebet der Choralgesang eine Selbstverständlichkeit. Vereinzelt wurden in den alten Choralhandschriften notwendige Ergänzungen eingetragen und sechs neue Hymnarien (1754) abgeschrieben.

Drohende Aufhebung
Kurz nach 1780 wurde die restriktive staatliche Gesetzgebung auch in der Kirchenmusik spürbar. Der Musikalienerwerb ging merklich zurück, Besetzung und Form der aufgeführten Werke erfüllen die geforderte Sparsamkeit. Für die Kathedrale des neu errichteten Bistums Linz mussten Musikalien sowie Musikinstrumente abgeliefert werden. Die fast ein Jahrzent lange drohende Aufhebung des Klosters hemmte zudem jede künstlerische Tätigkeit.Neuer AufschwungIm 19. Jahrhundert lief die Musikpflege anfangs in sehr bescheidenem Rahmen. Der Musikalienerwerb entsprach der staatlichen Gesetzgebung. Als Organist und Gerichtsschreiber war Anton Weiss (1777–1822) vermutlich nur kurze Zeit tätig. Vom ihm sind mehrere kleine Kirchenwerke und Orgelstücke erhalten. Matthias Pernsteiner jun. (1795–1851) wird um 1822 bis 1824 als Organist und Kammerdiener genannt. Er war dann Chordirektor der Lyceumskirche in Salzburg und ab 1827 Chorregent in Kufstein. Vom ihm sind mehrere Werke teilweise als Drucke erhalten. Darauf versah Volksschullehrer Adolf Festl (1826–1902) das Amt des Stiftsorganisten. 1848 bis 1861 war er Stiftsorganist und Lehrer in Wilhering, zugleich leitete er auch die Ausbildung der Sängerknaben und die Kirchenmusik leitete. Ferstl verwirklichte inspiriert von Johann Evangelist Habert dessen gemäßigte cäcilianischen Erneuerungsbestrebungen. Ein merklicher Zuwachs an Musikalien ist an seiner umfangreichen Kopistentätigkeit sichtbar. Einige seiner Kompositionen sind in Haberts Zeitschrift für katholische Kirchenmusik erschienen.

Durch Habert kam Anton Bruckner in Kontakt mit dem Stift, wo er mehrmals in Sommermonaten zu Gast war und bei der Kirchenmusik mitwirkte. 1868 widmete Bruckner dem Stift zum Schutzengelfest den vierstimmigen Hymnus Iam lucis orto sidere, wozu P. Robert Riepl den Text schuf. P. Hugo Dürrnberger (1838-1913), Sohn des Johann August Dürrnberger, betätigte sich als Komponist und war nur kurz Regens chori.

1884 baute Leopold Breinbauer eine neue Hauptorgel (II/30, weitgehend erhalten, 1976 auf III/40 erweitert) in das barocke Gehäuse ein.
1895 wurde das Sängerknabenkonvikt in ein Gymnasium mit Konvikt umgewandelt. Damit standen für die Kirchenmuik mehr Schüler als Chorsänger und Instrumentalisten zur Verfügung. Der Musiklehrer und Organist Franz Gruber (1882-1936) entwickelte ab 1908 in Schule und Konvikt mit verschieden zusammengestellten Schülerensembles eine vielfältige Musikpflege. 1920 erhielt die Studentenkapelle eine Orgel (I/6) von Franz Strommer.

Balduin Sulzer
Nach der Vertreibung der Klosterkommunität durch das NS-Regime (1940–1945) musste die Musikpflege vom Gymnasialdirektor P. Maurus Kerner (1887–1954) und von P. Bertrand Hofer (1913-1968) als Musiklehrer und Leiter der Kirchenmusik neu aufgebaut werden. Seit 1960 ist <media 8896>P. Balduin Sulzer [Dokument: 17 KB]</media> (* 1932) als Musikerzieher, Organist und Chorleiter tätig. Mit dem Gymnasialchor brachte er bedeutende Kirchenmusikwerke und Oratorien in der Stiftskirche zur Aufführung. Als Komponist mehrmals ausgezeichnet ist er heute international bekannt.

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