Evangelisches Oberösterreich


Oberösterreich war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fast zur Gänze evangelisch geworden. Im ausgehenden 16. Jahrhundert setzten die katholische Erneuerung und Gegenreformation ein. Erst 1781 wurde mit dem Toleranzpatent das evangelische Bekenntnis freigegeben.

Erste Spuren in Oberösterreich
1517 begann mit dem berühmten Thesenanschlag Martin Luthers an der Wittenberger Schlosskirche die Reformation. Bald wurde deren Inhalt auch in Österreich bekannt. Das Allerheiligenbenefizium in Altmünster aus dem Jahr 1518 ist der erste explizite Hinweis in Oberösterreich auf mögliche bevorstehende religiöse Umwälzungen, indem im Stiftungstext eine Einschränkung formuliert wurde: „Es sei denn, dass durch Schickung des allmächtigen Gotts in christlichen Kirchen Veränderungen geschähen.“ Das erste schriftliche Dokument um Auseinandersetzungen um einen der Reformation zugeneigten Prediger in Oberösterreich stammt aus Steyr - datiert 1520.

Verbreitung in Oberösterreich
Luthers Idee fanden in Oberösterreich sehr rasch Anhänger, weil man hier schon lange mit den Zuständen im Klerus sehr unzufrieden war und andererseits durch den Eisenhandel und die Salzwirtschaft die Kontakte zu den oberdeutschen Städten und nach Mitteldeutschland sehr eng waren. Führende Adelige, Beamte und Bürger ließen ihre Söhne in Wittenberg studieren.

Adelige Anhänger
Zahlreiche Adelige, etwa die Jörger und die Starhemberger, aber auch Steyrer Eisenhändler oder die Salinenbeamten des Salzkammerguts unterhielten persönliche Beziehungen zu Luther. 28 Briefe sind bekannt, die Luther nach Oberösterreich an verschiedene Personen schrieb. Einige Briefe waren an Dorothea Jörger gerichtet. Christoph Jörger, der Sohn des Landeshauptmannes Wolfgang Jörger, ging 1522 zur Ausbildung nach Sachsen und schloss sich Luther an. 1525 sandte Luther auf Ersuchen Dorothea und Christoph Jörgers den Michael Stiefel als Prediger auf ihr Schloss Tollet bei Grieskirchen. Auch die Schaunberger, Polheimer, Scherffenberger, Zelkinger und Khevenhüller gelten als frühe und führende Lutheraner.

„Lutherisches Nest“
1525 galt Gmunden als „lutherisches Nest“. Aber auch in Steyr, Wels, Linz, Enns, Freistadt und Vöcklabruck setzte sich die neue Lehre rasch durch. Auch zahlreiche Geistliche gingen zum Luthertum über. Die Kirchenleitung war völlig überfordert: An der Spitze des für Oberösterreich zuständigen Bistums Passau stand ein bayerischer Prinz, der nicht einmal die höheren Weihen eines Klerikers hatte und in Oberösterreich keinerlei Ansehen genoss.

Als in Passau gegen den Waizenkirchener Pfarrvikar Leonhard Käser, der in Wittenberg studiert hatte und bei einem Besuch in seinem Heimatort Raab verhaftet worden war, ein Ketzerprozess geführt wurde, erregte dies breiten Abscheu im Lande. Käser wurde trotz Intervention der Schaunberger und Starhemberger am 16. August 1527 in Schärding verbrannt.

Besonders scharf vorgegangen wurde gegen die Wiedertäufer: Während die Täufer vor allem bei den kleinen Handwerkern und städtischen Unterschichten Anklang fanden, wurde das Luthertum zum Bekenntnis des Adels, der vermögenden Bürger und wohlhabenden Bauern. Ungefähr 150 Täufer wurden 1527/28 in Oberösterreich hingerichtet.

Vorwiegend evangelisch
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts waren Oberösterreich, aber auch das damals noch bayerische Innviertel überwiegend evangelisch. Viele Klöster wurden verlassen und geschlossen. Alarmierend war die Visitation von 1561 in den 15 Stiften und Klöstern des Landes. Die noch anwesenden Ordensleute lebten häufig in Ehe, die Äbte waren „beweibt“ und verweltlicht. Im ganzen Land lebten nur noch 74 Männer und sieben Frauen in einem Kloster oder Stift, und auch die waren meist lutherisch gesinnt. Am ehesten entsprachen noch St. Florian und Kremsmünster den Vorstellungen der Visitatoren. Als Kaiser Maximilian II. 1576 starb, war das Land praktisch völlig protestantisch. Oberösterreich war in dem Maß lutherisch, wie es heute römisch-katholisch ist. Der Steyrer Chronist Jakob Zetl nannte das Land ob der Enns ein „erzlutherisches Land“.

Linzer Landhaus
Das Schulwesen und die Gelehrsamkeit erlebten eine besondere Blüte. Der Bücherbesitz der protestantischen Bürger, etwa in Freistadt, war im 16. Jahrhundert erstaunlich groß und nahm nach der Rekatholisierung deutlich ab. Das neu errichtete Landhaus in Linz beherbergte nicht nur die Landeskanzlei,  sondern auch die Evangelische Landschaftsschule, in der auch der große Gelehrte und Namenspatron der Universität Linz, Johannes Kepler, wirkte. Der „Steinerne Saal“ im Landhaus war 50 Jahre lang evangelischer Gottesdienstraum. Er wurde 1611 als solcher ausgebaut und gestaltet.

Augsburger Religionsfriede
Der Augsburger Religionsfriede von 1555 legte fest, dass die Untertanen den Glauben ihres Landesherrn anzunehmen hatten. Die katholisch gebliebenen Habsburger als Landesherren unternahmen allerdings vorerst nicht allzu viel gegen die Protestanten. Das lag auch an der Bedrohung von außen durch die Türken: Daher hieß es sprichwörtlich: „Der Türken Tück, das ist der Protestanten Glück.“

Rekatholisierung
1592 begann sich die Situation zu ändern. Erstmals gab es mit Hans Jakob Löbl von Greinburg wieder einen katholischen Landeshauptmann. Die religiösen Unruhen, die von 1570 bis in die neunziger Jahre die Pfarren Windischgarsten, St. Leonhard und St. Pankraz erschütterten, und der so genannte Sierninger Handel von 1588, der durch Rekatholisierungsmaßnahmen ausgelöst wurde, waren die ersten Vorboten der gewaltsam durchgesetzten Gegenreformation. Für die Bauernaufstände von 1594 bis 1597 und von 1626 waren religiöse Anliegen eine der Hauptursachen.

Reformationspatent
Schlagartig änderten sich die Verhältnisse für die Evangelischen mit Kaiser Ferdinand II. 1624 erließ er das Reformationspatent. Alle evangelischen Prädikanten und Schulmeister mussten binnen acht Tagen das Land verlassen, die Evangelischen in der Bevölkerung innerhalb eines Jahres wieder katholisch werden oder ebenfalls aus dem Land gehen. Die Gegenreformation wurde mit militärischer Härte und mit allen verfügbaren propagandistischen Mitteln durchgedrückt. Ab 1734 gab es für hartnäckige Protestanten aus dem Salzkammergut mehrere zwangsweise Umsiedlungswellen nach Siebenbürgen/Rumänien.

Toleranzpatent
Erst im Jahre 1781 beendete das Toleranzpatent Josephs II. die Gegenreformation. Was sechs Generationen oder knapp 150 Jahre im Verborgenen überdauert hatte, gelangte nun ans Tageslicht. Zur Überraschung der Regierung meldeten sich nach fast 160 Jahren Verbot allein in Oberösterreich bald an die 10.000 Personen als evangelisch. Der erste evangelische Gottesdienst fand am 9. Juni 1782 in Scharten statt. Etwa 4000 Personen nahmen daran teil. In den folgenden Monaten bildeten sich in evangelischen Gemeinden, die so genannten Toleranzgemeinden.

Die neun Toleranzgemeinden von 1781

In Oberösterreich bestanden 1781 neun Toleranzgemeinden:
Wels, Thening, Scharten, Eferding, Wallern, Neukematen, Goisern, Gosau und Rutzenmoos

Allerdings brachte das Toleranzpatent vorerst nur die Duldung des evangelischen Glaubens, aber noch keine Gleichberechtigung. Die katholische Kirche blieb die „dominante“ Religion. Benachteiligt wurden die Evangelischen etwa durch Erschwernisse beim Übertritt in die evangelische Kirche, bei der Übernahme öffentlicher Ämter oder bei der äußeren Gestaltung der Bethäuser, die nicht als Kirchengebäude erkennbar sein sollten (kein Turm, keine Glocken, keine Rundfenster, Standort abseits der Hauptstraße).

Evangelischer Superintendant
Im Mai 1783 errichtete die Regierung parallel zur Gründung der Diözese Linz die evangelische Superintendenz Oberösterreich und ernannte den Pfarrer von Scharten, Johann Christian Thielisch, zum ersten Superintendenten.

Im Revolutionsjahr 1848 wurden mehrere Einschränkungen wie das Turmverbot aufgelassen. 1861 folgte das Protestantenpatent Kaiser Franz Josephs I. mit der Einführung einer Kirchenordnung, die als synodal-presbyteriales System auf demokratischer Basis erlaubt wurde. Es wurde die Gleichberechtigung der evangelischen Bürger mit den katholischen, nicht jedoch die Gleichberechtigung der Kirchen ausgesprochen. Erst mit dem Bundesgesetz der äußeren Rechtverhältnisse der Evangelischen Kirchen in Österreich von 1961 erhielten die Evangelischen Kirchen A. B. und H. B. die völlige Gleichberechtigung mit der Römisch-Katholischen Kirche. Auf der Festsitzung der Synode 1981 mit der  Teilnahme von Kardinal Dr. Franz König und Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger wurde von Präsident Kirchschläger betont, dass „die evangelischen Österreicher ein unverzichtbarer Teil des Ganzen seien“.

Evangelische Kirche heute
Nach kircheninterner Statistik leben in Oberösterreich 56.200 Evangelische in 35 Pfarrgemeinden und 8 Tochtergemeinden, die von rund 40 Pfarrerinnen und Pfarrern betreut werden, unterstützt von rund 70 Lektoren und weiteren Mitarbeitern im Religionsunterricht, in Jugend- und Seniorenarbeit. In Leonding bei Linz gibt es weiters eine Gemeinde der Evangelischen Kirche Helvetischen Bekenntnisses.


Literatur:

Barton, Peter F. (Hg.): Im Zeichen der Toleranz. Wien 1981 (= Studien und Texte zur Kirchengeschichte)

Eder, Karl: Glaubensspaltung und Landstände in Österreich ob der Enns 1525-1602. (der „Klassiker“)

Temmel, Leopold: Evangelisch in Oberösterreich. Werdegang und Bestand der evangelischen Kirchen. Linz 1982.

Oberösterreichische Nachrichten, 30. August 2008

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