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Zeugen des Historismus in Oberösterreich


Der Ausdruck Historismus bezeichnet eine stilistische Vielfalt, wie sie bereits um 1800 – vereinzelt auch schon früher – im Nebeneinander von Klassizismus und Neugotik zum Ausdruck kam. Eine wesentliche Grundlage bildete dafür die Romantik mit ihrem neuen Geschichtsbewusstsein.

Zahlreiche Villen
Ab etwa 1850 wurde der Romantische Historismus durch den Strengen Historismus abgelöst, der sich enger an die historischen Vorbilder anschloss und zum wesentlichen Stil der Gründerzeit wurde. Die Kaiserstadt Wien wurde damals mit ihren monumentalen Prachtbauten der Ringstraße Vorbild für die ganze Monarchie, wobei Oberösterreich durch die „zweite Residenz“ in Bad Ischl eine besondere Rolle zukam. Im Gefolge des Wiener Hofes siedelten sich der Adel und das Großbürgertum in der „Österreichischen Schweiz“ an, wie das Salzkammergut damals genannt wurde. Neben Villen im „Schweizer Stil“ entstanden auch schlossartige Bauten wie die Villa Lanna am Traunsee, deren bürgerlicher Bauherr sich ebenso an italienischen Renaissancevorbildern orientierte wie die Großherzogliche Familie Toscana, während das vertriebene Königshaus von Hannover ihr Schloss Cumberland als neugotische Burg errichten ließ, in der auch der berühmte Welfenschatz aufbewahrt wurde.
Zu diesen traditionellen Bauaufgaben kamen aber auch ganz neue Bauten wie Hotels, Kuranstalten, Museen, Schulen, Bahnhöfe, Banken, Vereinsgebäude, Ausstellungs- und Fabrikshallen.

Linzer Mariendom
Während das Biedermeier kaum neue Kirchen errichtete, entstand nun mit dem Linzer Dom eines der bedeutendsten Gesamtkunstwerke der Neugotik. Der erst 1924 vollendete Bau des berühmten Kölner Dombaumeisters Vinzenz Statz war sichtbares Zeugnis der unter Bischof Rudigier wieder erstarkten Macht der Kirche.
Vor allem in Linz und Wels entstanden damals neue Stadtviertel mit großen, monumentalen Kirchenbauten. Wo nicht neu gebaut werden konnte, wurden bestehende Kirchen neugotisch umgestaltet, wobei neben den Altären vor allem den Glasfenstern zentrale Bedeutung zukam. Als Art Gegenpol entstanden „Tempel“ der Bildung wie das Akademische Gymnasium und Paläste der Kunst wie das Museum Francisco Carolinum in Linz, dessen Kolossalfries Ereignisse aus der Landesgeschichte wiedergibt. Der Bildhauer Rudolf Cöllen schuf hier nach dem Entwurf des Leipzigers Melchior zur Strassen eines der großen Hauptwerke historistischer Skulptur.

Plastik im öffentlichen Raum
Immer mehr eroberte die Plastik damals den öffentlichen Raum, vom üppigen Dekor der Fassaden bis zu den Denkmälern, die nun nicht mehr allein dem Kaiser vorbehalten waren, sondern auch Dichter, Komponisten und sogar Industrielle ehrten. So sind die Denkmäler für den Gewehrfabrikanten Josef Werndl und für den Komponisten Anton Bruckner in Steyr Hauptwerke des Wiener Ringstraßen-Bildhauers Viktor Tilgner und das Linzer Stifterdenkmal gilt als bestes Werk seines Kollegen Hans Rathausky.
Das wohl bedeutendste Grabmal dieser Zeit ist jenes des Bischofs Rudigier im Linzer Dom, ein Werk von Tilgners Lehrer Josef Gasser.

Die erwähnte Villa Toscana enthält einen großen Bilderzyklus von Christian Griepenkerl, den wir als Lehrer Egon Schieles kennen. Für das Stiegenhaus des Landesmuseums schuf der Ottensheimer Maler Franz Attorner Darstellungen der Landesviertel, und im Festsaal dominieren zwei riesige Landschaftsbilder des Welser Malers Adolf Obermüllner, der in Wien lebte und „kistenweise“ Bilder nach Amerika lieferte. Sie belegen die große Bedeutung der Landschaftsmalerei, die nun aber viel heroischer und pathetischer auftrat als jene des Biedermeier. Vor allem das Hochgebirge der Kalkalpen wurde zum bevorzugten Motiv von Malern aus ganz Europa.

„Exporte“ nach Amerika
Während viele deutsche Künstler hierzulande Erfolg hatten, wanderten Johann Baptist Wengler und Carl Kahler nach Amerika aus, wo der eine die Kirchen New Yorks ausstattete und der andere mit Riesenbildern von Pferderennen Erfolg hatte. Carl Kronberger ging nach München, wo er in die Fußstapfen Carl Spitzwegs trat, Ähnliches gilt für den in Wien tätigen Aquarellmaler Alois Greil. Gleichzeitig schuf der Linzer Johann Baptist Reiter in Wien seine bedeutenden, aber kaum noch öffentlich wahrgenommenen Spätwerke.

Beleben alter Handwerkstechniken
Im Alltag wurde das Leben aufwendiger, die Ausstattung der Räume der Reichen kostbarer. Man bemühte sich auf allen Gebieten, die im Biedermeier vernachlässigten Handwerkstechniken neu zu beleben. So schufen etwa Johann und Josef Rint, die Restauratoren des Kefermarkter Altars, prunkvolle Pokale und sogar Schmuck aus Holz. In Linz, Ottensheim und Gmunden bestanden große Altarbauwerkstätten und in Hallstatt eine bedeutende Holzfachschule. Eine weitere oberösterreichische Besonderheit waren die Stahlschnittarbeiten Michael Blümelhubers, die aber schon teilweise in die Moderne überleiten.

Hauptwerke des Historismus in Oberösterreich

   

Altmünster

Schloss Traunsee

1872–1875 von Heinrich Adam

Bad Hall

Pfarrkirche

1868–1888 von Otto Schirmer

 

Badehaus

1850–1855 von Paul Sprenger

Bad Ischl

Kaiservilla

Umbau 1855–1861

 

Jagdstandbild Kaiser Franz Josephs

von Georg Leisek

Gmunden

Villa Lanna

von Gustav Gugitz

 

Villa Toscana

1870–1877

 

Schloss Cumberland

1882–1887 von Ferdinand Schorbach und Hofbaurat Rundspaden

Linz

Neuer Dom

1862–1924 von Vinzenz Statz

 

Museum Francisco Carolinum (Landesgalerie)

1883–1895 von Bruno Schmitz

 

Palais Kaufmännischer Verein

1896–1898 von Ignaz Scheck und Hermann Krackowizer

 

Sparkasse (an der Promenade)

1886–1891 von Ignaz Scheck

 

Bundesbahn-Direktion

 
 

Akademisches Gymnasium

1870–1872 von Karl Stattler

 

Villa Hatschek

1899 von Fellner & Hellmer (1972 abgerissen)

 

Stifterdenkmal

1899–1902 von Hans Rathausky

Maria Puchheim

Wallfahrtskirche

1886–1890 von Richard Jordan

Steyr

Villa Vogelsang

 
 

Werndldenkmal

1892–1894 von Viktor Tilgner

 

Brucknerdenkmal

1898 von Viktor Tilgner und Fritz Zerritsch

Traunkirchen

Villa Pandchoulidzeff

1857 von Theophil Hansen

Wels

Evangelische Kirche

1849–18752 von Karl von Heideloff

 

Herz Jesu-Kirche

1907–1911 von Matthäus Schlager


Autor: Lothar Schultes

Oberösterreichische Nachrichten, 21. März 2009

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