Die Sowjetische Besatzung im Mühlviertel


Zehn Jahre lang war das Mühlviertel so etwas wie das zehnte Bundesland Österreichs. Die Donau als Zonengrenze trennte es vom restlichen Oberösterreich. Für das Mühlviertel brachten die zehn Jahre sowjetische Besatzung nicht nur eine, wenn auch im Zeitverlauf abnehmende Quelle ständiger Übergriffe und Bedrohungen, sondern auch einen enormen wirtschaftlichen Rückschlag, von dem sich die Region nur sehr langsam erholte.

Donau als Grenze
Das Mühlviertel war zuerst fast zur Gänze von den Amerikanern besetzt worden. Nach Inkrafttreten der am 7. Mai 1945 in St. Martin im Innkreis unterfertigten Kapitulation der Heeresgruppe Süd wurde die zwischen Amerikanern und Sowjets ausgehandelte Demarkationslinie wirksam, die vorerst von Freistadt die Bahnlinie, später die Bundesstraße entlang zur Donau und südlich der Donau die Enns entlang verlief. Die Sowjets hatten also vorerst nur etwa 40 Gemeinden Oberösterreichs unter ihrer Gewalt, die Amerikaner etwa 400. Entsprechend dem Zonenabkommen vom 9. Juli 1945 besetzte die Rote Armee Anfang August 1945 das ganze Mühlviertel. Die Hintergründe dieses Abtauschs der von den sowjetischen Truppen besetzten Obersteiermark gegen das westliche Mühlviertel sind bis heute nicht völlig klar. Jedenfalls ermöglichte es den Sowjets nicht nur die völlige Kontrolle der Grenze zur Tschechoslowakei, sondern auch den Zugriff auf das nördliche Ufer der Donau ab Passau. Aufgegeben wurden dafür nicht nur die Industrieregion der Mur-Mürz-Furche, sondern auch ein Teil der am Ostufer der Enns gelegenen Gebiete mit den wichtigen Steyr-Werken. Ab 8. August 1945 war die Donau eine vorerst fast unüberschreitbare und strengen Kontrollen unterworfene Grenze geworden.

Angst vor der Abtrennung von Oberösterreich
Die Befürchtung, dass das Mühlviertel damit ganz von Oberösterreich abgetrennt und zu Niederösterreich geschlagen würde, war sehr real. Man rechnete damit, dass die Sowjets die von den Amerikanern eingesetzte oberösterreichische Beamtenregierung nicht anerkennen würden. Mit dem Verfassungsgesetz vom 7. August 1945 über die Ordnung der staatlichen Verwaltung in der russischen Besatzungszone von Oberösterreich wurde von der Regierung Renner die Zivilverwaltung Mühlviertel eingerichtet und der Landwirt Johann Blöchl per Gesetz ad personam zum Staatsbeauftragten für das Mühlviertel ernannt, ein Unikat in der österreichischen Gesetzgebung, noch dazu in falscher Schreibung, nämlich als „Johann Plöchl“. Die erste Sitzung der Zivilverwaltung Mühlviertel, die von den drei Parteien - ÖVP, SPÖ und KPÖ - wie die Wiener Regierung, der sie unterstellt war, drittelparitätisch zusammengesetzt war, fand am 13. August 1945 statt. Die Amtsräume befanden sich in der Rudolfstraße 2.

Nach den Wahlen vom November 1945 und der Bildung einer demokratisch legitimierten oberösterreichischen Landesregierung am 15. Dezember 1945 betrachtete Blöchl seine Funktion als erloschen. Die sowjetische Militärkommandantur untersagte aber die Umwandlung der Zivilverwaltung in eine Außenstelle des Landes Oberösterreich. Eine verwaltungsmäßige Teilung konnte dadurch aufgefangen werden, dass Blöchl in die neue, demokratisch legitimierte Landesregierung als Landesrat ohne Ressort aufgenommen wurde und an allen Entscheidungen mitwirkte. Später wertete Dr. Heinrich Gleißner das Festhalten Oberösterreichs an der Landeseinheit als den wesentlichen Beitrag des Landes zur Verhinderung einer Teilung Österreichs ähnlich der Deutschlands.

Vater des Mühlviertels
Der Bauer Johann Blöchl wurde zum Vater des Mühlviertels: Mit viel Geschick vermochte er ein Vertrauensverhältnis zu den sowjetischen Besatzungsoffizieren herzustellen, auch wenn er jegliche Teilnahme an ihren Trinkgelagen verweigerte, was von Russen durchaus mit Achtung akzeptiert wurde. Was Blöchl geleistet hat und in welch unsicheren Lage er amtierte, immer mit einem Fuß in Sibirien stehend, wird aus den Lageberichten des Gendarmeriekommandanten für das Mühlviertel deutlich: Zwischen dem 15. August und dem 31. Dezember 1945 wurden von den Gendarmen im Mühlviertel 70 Morde dokumentiert, 1946 immer noch 33, 1947 14, 1948 24 und 1949 weitere 17. Jene, die in den ersten Monaten nach dem Waffenstillstand ermordet, von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen aus Rache erschlagen und von Amerikanern und Russen bei Übergriffen erschossen wurden, sind darin noch gar nicht inbegriffen. Auch wenn die Übergriffe von Seiten der Besatzer sich mit fortschreitender Zeit zahlenmäßig reduzierten, so hörten sie doch nie ganz auf und lösten ein ständiges Gefühl von Bedrohung, Unsicherheit und Gefahr bei der Bevölkerung aus.

Johann Blöch, der Vater des Mühlviertels (1895–1987)

Der Lasberger Bauer Johann Blöchl ist zweifellos jemand, für den die Wörter Befreiung und Freiheit 1945 bis 1955 in ihrer doppelten Bedeutung in besonderem Maße gelten: Blöchl hatte beide Weltkriege erlebt, den Ersten an den blutigsten Fronten Österreich-Ungarns, den Zweiten zum größeren Teil im Gefängnis. Von 1931 bis 1934 war er bereits Nationalratsabgeordneter. Am 24. August 1941 wurde er verhaftet, im Frühjahr 1943 zwar freigelassen, nach dem 20. Juli 1944 aber wieder bis Oktober 1944 verhaftet und am 25. Januar 1945 vor das Volksgericht gestellt. Blöchl musste mühsam überredet werden, das gefährliche neue Amt des Staatsbeauftragten für das Mühlviertel und des Leiters der Zivilverwaltung Mühlviertel zu übernehmen.

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Der Lasberger Bauer Johann Blöchl ist zweifellos jemand, für den die Wörter Befreiung und Freiheit 1945 bis 1955 in ihrer doppelten Bedeutung in besonderem Maße gelten: Blöchl hatte beide Weltkriege erlebt, den Ersten an den blutigsten Fronten Österreich-Ungarns, den Zweiten zum größeren Teil im Gefängnis. Von 1931 bis 1934 war er bereits Nationalratsabgeordneter. Am 24. August 1941 wurde er verhaftet, im Frühjahr 1943 zwar freigelassen, nach dem 20. Juli 1944 aber wieder bis Oktober 1944 verhaftet und am 25. Januar 1945 vor das Volksgericht gestellt. Blöchl musste mühsam überredet werden, das gefährliche neue Amt des Staatsbeauftragten für das Mühlviertel und des Leiters der Zivilverwaltung Mühlviertel zu übernehmen.
Von 1945 bis 1955 war er gleichzeitig auch Landesrat, von 1955 bis 1961 Landeshauptmannstellvertreter. Seine Lebenserinnerungen (Linz 1988) sind ein eindrucksvolles Zeugnis.

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Verschleppungen
82 Fälle sind bekannt, in denen Mühlviertler aus mehr oder weniger willkürlichen Gründen in die Sowjetunion verschleppt wurden. Beispielhaft für die Willkür des Vorgehens ist der Fall der Lokomotivführer und der Zugbegleiter jenes Güterzuges, der am 22. November 1945 am Saurüssel wegen Überladung entgleist war, wobei mehrere russische Soldaten ums Leben gekommen waren. Obwohl Lokomotivführer und Zugbegleiter vorher auf die Gefahr hingewiesen hatten und nur unter Zwang gefahren waren, wurden sie wegen Sabotage verhaftet. Der Zugführer Mistelbacher kam 1953 aus Sibirien zurück, der Lokführer Klein starb in Russland. Von den Verschleppten aus dem Mühlviertel kehrten 16 erst nach sieben bis zehn Jahren zurück, 20 blieben vermisst, 20 starben in Russland.

Neben den recht unberechenbaren Besatzern gab es die selbsternannten Rächer, die die Gegend unsicher machten, häufig Männer dubioser Herkunft, die es verstanden, das Vertrauen der Besatzer zu erringen, etwa der selbsternannte Polizeifahnder Friedrich Bösse oder ein sich als „Oberingenieur Alexander Kuropatkin“ ausgebender Mann, der seine Kontakte zu den Russen für schwerste Erpressungen und Vergewaltigungen nutzte und bis 1947 immer wieder in Schwertberg auftauchte.

Übergriffe und Plünderungen
Insbesondere die Frauen waren in der ersten Zeit der Besatzung vor den Zugriffen der russischen Soldaten nicht sicher: Manche Frauen und Mädchen versteckten sich während der Nächte auf Heuböden, in Feldern und Kellern, um vor den Übergriffen der Soldaten verschont zu bleiben. Andere verkleideten sich als hässliche, alte Frauen oder täuschten Krankheiten vor. Fälle von Vergewaltigungen sind auch – allerdings in geringerem Maße – von Amerikanern bekannt. Zu Kindern – so die heutigen Erinnerungen – waren die Russen stets nett und freundlich.
Die russischen Besatzer traten im Gegensatz zu den Amerikanern, die als „Gebende“ wahrgenommen wurden, durch „Nehmen“ in Erscheinung: Plünderungen, Demontagen ganzer Betriebe und Beschlagnahme des deutschen Eigentums und Einbringung in den Komplex der USIA: So blieben sie in Erinnerung. Mit dem Befehl Nr. 17 vom 27. Juni 1946 wurde die Übernahme der gesamten deutschen Vermögenswerte im östlichen Österreich in das Eigentum der Sowjetunion dekretiert und in die so genannten USIA-Betriebe eingebracht. Auch wenn nur ein kleiner Teil davon sich im Mühlviertel befand, so fehlte doch jegliche Entwicklungsperspektive und wurden die Unternehmen wirtschaftlich völlig ausgehöhlt. Zu Neuansiedlungen von Betrieben kam es nur ganz selten. Von der amerikanischen Marshallplanhilfe, die 1948 einsetzte und für den wiederaufbau entscheidend wurde, erhielt das Mühlviertel nichts.

USIA-Geschäfte
Im Sommer 1950 begann die die Besatzungsmacht schlagartig mit der Errichtung einer Kette von Verkaufsläden. In diesen USIA-Geschäften konnte man fast steuerfrei einkaufen, vor allem Zigaretten und Alkohol, aber auch Lebensmittel, technische Artikel und Gebrauchswaren aus USIA-Betrieben und Osteuropa. Auf diese Weise wurde dem österreichischen Staat nicht nur erhebliche Steuern entzogen, sondern auch der heimische Handel empfindlich konkurrenziert und geschädigt.
Von den insgesamt 186 Detailhandelsgeschäften, welche die USIA 1954 unterhielt, lagen zehn im Mühlviertel, davon allein sechs in Urfahr.
Als ab 19. Oktober 1953 die Kontrolle an der Demarkationslinie aufgehoben wurde und die Donaubrücke wieder ungehindert passierbar war, strömten die Linzer in langen Kolonnen mit Rucksäcken, Koffern und Leiterwagerln in die Urfahrer USIA-Geschäfte. Man prangerte derartiges Einkaufen zwar als unpatriotischen Verstoß gegen gute Sitten an, aber die
Regierung war machtlos. Die Sowjetunion dagegen feierte dies als „Marshallplanhilfe für den kleinen Mann“.

Spuren der Besatzung
Oberösterreich blieb bis 1955 ein zweigeteiltes Land. Mit Mut, taktischem Geschick und Geschlossenheit verhinderten die führenden Männer eine endgültige Teilung des Landes. Nach dem Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 gab es am 11. August 1955 die letzte Sitzung der Zivilverwaltung Mühlviertel. Das Mühlviertel war endgültig frei. Doch die Spuren der Besatzung währten lange: Das südliche Oberösterreich erhielt durch die Besatzung die Chance, zum Industrieland Nummer eins aufzurücken. Das Mühlviertel hingegen blieb Krisenregion. Der Dank oder gar die Entschädigung für das, was das Mühlviertel ertragen und geleistet hat, blieb spärlich.


Literatur:

Fellner, Fritz (Hg.): Alltag und Leben im Mühlviertel 1945 bis 1955. Grünbach an der Steyr 2005.

Sandgruber, Roman: Vom Wiederaufbau in die Mitte Europas. Linz 2005.

Linktipp:

Dietmar Heck aus Enns gestaltete anlässlich der Gedenkfeiern 2005 - 60 Jahre Kriegsende und 50 Jahre Ende der Demarkationslinie - auf der Ennser Brücke eine Ausstellung, die im Internet abrufbar ist.

Oberösterreichische Nachrichten, 28. Juli 2008

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