Tourismusland Oberösterreich


Im Jahre 1913 war Oberösterreich hinter Niederösterreich das wichtigste Fremdenverkehrsland im Bereich des heutigen Österreich. Oberösterreichs damals größter Fremdenverkehrsort, Bad Ischl, wurde hinsichtlich der Zahl der gemeldeten Fremden nur von Mariazell übertroffen.

Wallfahrer
Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert war Oberösterreich nur selten das Ziel von Reisenden, mit einer Ausnahme, den Wallfahrern, die nach St. Wolfgang, nach Adlwang, auf den Pöstlingberg und zu anderen beliebten Heiligtümern unterwegs waren. Wer sonst nach Oberösterreich kam, war auf der Durchreise. Die Wallfahrt war der Urlaub der Armen. Nach dem kirchlichen Ziel gings ins benachbarte Wirtshaus.

Wandern und Baden
Das 19. Jahrhundert brachte die Anfänge des modernen Tourismus: die Wanderung, die Badereise und die Sommerfrische. Die Entdeckung des Salzkammergutes als Erholungslandschaft begann. Die Wiener Salondame Caroline Pichler, die 1792 ins „noch ganz unberühmte“ Ischl gekommen war, machte die Region in den noblen Kreisen der Hauptstadt bekannt. Alexander von Humboldt rühmte 1797 das Salzkammergut als „Österreichische Schweiz“. Das wurde begeistert aufgegriffen. Gehen ist Freiheit, war das Programm der neuen Biedermeierlichkeit. Zahllose Wanderbücher wurden publiziert. Adalbert Stifter ließ Viktor, den Helden seiner Novelle Der Hagestolz, eine Fußreise von Wien nach Traunkirchen unternehmen.

Zahlreiche Heilquellen
Wem das Wandern zu beschwerlich war, der ging auf Kur oder in die Sommerfrische. Oberösterreich konnte von der neu entstehenden Badebegeisterung profitieren. Ischl ergriff die Chance. 1823 war das Geburtsjahr des Kurortes Ischl. Als sich nach einem Ischl-Aufenthalt von Erzherzog Karl und seiner Gattin Sophie mit dem „Salzprinzen“ Franz Joseph 1830 endlich der sehnlichst erwartete Thronfolger einstellte, zweifelte niemand mehr an der heilsamen Kraft der Ischler Sole- und Soledampfbäder. Der krisengeschüttelte Industrieort war auf dem Weg zum Modebad. Andere Badeorte folgten nach. In Bad Hall entstand 1830 eine Badeanstalt; dort wurde 1852 die große Landeskuranstalt errichtet. In Goisern wurde 1874 bei Tiefbohrungen eine Jodschwefelquelle entdeckt. Die Schwefelheilquelle von Bad Schallerbach wurde erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts bei Erdölbohrungen erschlossen und ausgebaut. Auch die kalten Quellen des Mühlviertels gewannen an Beliebtheit. Kirchschlag entwickelte sich zu einem bekannten Ausflugs- und Erholungsort.

Wenig Komfort
Sicherlich, Komfort war hier im ländlichen Oberösterreich anfänglich nicht sehr groß geschrieben. Österreichs Nationaldichter Franz Grillparzer hatte sich darüber nicht wenig geärgert. Er verbrachte einige Wochen in Bad Hall. Dort wurde der berühmte Dichter, inzwischen ein 75-jähriger schwerhöriger und missmutiger Hofrat, im Haus des Apothekers einquartiert. Gehbehindert und an Gefäßverkalkung leidend, schrieb er griesgrämige Briefe: „Das Zimmer ist prächtig, zwar mit Aussicht auf einen Stall, aber sonst sehr gut ... Die Luft ist gut, die Kost ist schlecht ...“ In Bad Hall habe er von zurückgeschickten und doch bezahlten Speisen gelebt. Das Fleisch war ihm zu hart, die Bäder zu anstrengend. Grillparzer glaubte in Oberösterreich die gräulichste Zeit seines Lebens zu verbringen. „Es waren grässliche vier Wochen … Dass ich einer stärkenden Fleischspeise zur Labung bedürfen werde, begreift jeder, der die Mittagserfrischungen zu Linz kennt ...“, schrieb der Dichter vor seiner Rückkunft nach Wien.

Sommerfrische
Die Sommerfrische wurde zum Urlaubstraum der Städter. Wer etwas auf sich hielt, übersiedelte während der warmen Jahreszeit mit Sack und Pack in eine Sommerwohnung: Nach Ischl und Gmunden kamen die Arrivierten, die weniger Arrivierten nach Goisern oder Aussee, an den Wolfgangsee, Attersee oder Mondsee.
Kaiser Franz Joseph, der Salzprinz, war von 86 Sommern seines Lebens nur drei nicht in Ischl, nämlich 1878, 1915 und 1916. Mit dem Kaiser wurde der Kurort Ischl zur Sommerresidenz der großen Welt: Weil der Kaiser hier war, kam die große Welt, oder die, die sich dafür hielt. „Bei den Linzern hingegen“, schreibt die Linzerin Maria von Peteani in ihren Erinnerungen, „stand Ischl damals keineswegs hoch im Kurs. Sie sagten – und dies nicht zu Unrecht, das sei kein Landaufenthalt, sondern eine Filiale von Wien.“

Die Melde- und Gästelisten des Salzkammerguts lasen sich zeitweise wie eine lückenlose Wiedergabe von Kürschners Literatur- und Künstlerkalender: „Im Jahre 70 oder 71 atmete ich zum ersten Male Salzkammergutluft“, notierte Arthur Schnitzler in seiner Autobiographie. „Denken Sie sich das Unglück, ich bin schon wieder in Ischl!“, schrieb Daniel Spitzer. Die vielen Schriftsteller, die nach einem berühmten Ausspruch Raoul Auernheimers allsommerlich an die Seen wiederkehrten, um ihre Federkiele in dieses riesige Tintenfass zu tauchen und sich ihre Inspirationen zu holen, verarbeiteten ihre Eindrücke, banden die Orte in ihre Stoffe ein und erhöhten damit ihre Attraktivität.

Bahnverbindungen
Die wichtigste Voraussetzung für die touristische Weiterentwicklung des Salzkammerguts war eine Verbesserung der Verkehrslage. Durch die Eröffnung der Pferdebahn Linz-Gmunden im Jahre 1836 – drei Jahre später verkehrte das erste Dampfschiff auf dem Traunsee – war die Anreise sehr verkürzt und bequemer worden. Die Fertigstellung der Westbahn in den Jahren 1858/60 und die Eröffnung der Salzkammergutbahn (Kronprinz-Rudolf-Bahn) von Attnang über Ischl nach Bad Aussee im Jahre 1877 banden die Region in das europäische Verkehrsnetz ein. Die Salzkammergutlokalbahn, die ab 1893 zwischen Ischl und Salzburg verkehrte, trug noch zusätzlich zur leichteren Erreichbarkeit und touristischen Aufschließung bei.

Neuer Wirtschaftszweig
Für das Salzkammergut kam mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Salzerzeugung der neue Wirtschaftszweig wie gerufen. Eine neue Oberschicht, neue Berufe und neue Geschäfte bestimmten das Gesellschaftsbild. Entlang der Seeufer entstanden Villenkolonien und Esplanaden.

Elektrifizierung
Wenn die noblen Städter des Fin de Siècle zur Sommerfrische und Kur kamen, wollten sie auch auf das elektrische Licht nicht verzichten. Die „elektrifizierten“ Hotels und die elektrisch beleuchteten Kurpromenaden wurden zu den Attraktionen der Tourismusorte. So ist verständlich, dass das Salzkammergut zum Ausgangspunkt der oberösterreichischen Elektrizitätswirtschaft wurde.

Krieg und Wirtschaftskrise
Die aufstrebende Entwicklung wurde mit dem Ende der Monarchie jäh unterbrochen. Zwischen 1914 und 1918 kam der Fremdenverkehr weitgehend zum Erliegen. 1917 war die Versorgung mit Lebensmitteln so kritisch geworden, dass auf Verlangen der Bevölkerung der Fremdenverkehr „amtlich“ verboten wurde. Auch in den ersten Nachkriegsjahren blieb die Situation unverändert. Ein Erlass des oberösterreichischen Landtages vom 7. Mai 1920 legte bereits in § 1 fest: „Die Einreise nach Oberösterreich und der Aufenthalt in diesem Lande unterliegt der strengsten behördlichen Kontrolle.“ § 4 meinte lapidar: „Ein Sommerverkehr findet in Oberösterreich im Jahre 1920 nicht statt.“
Nach der Überwindung der unmittelbaren Nachkriegsnot war der Gast wieder umworben und gern gesehen. Doch die Weltwirtschaftskrise machte dem Fremdenverkehr erneut einen Strich durch die Rechnung. Für das Jahr 1929 wurde von der Handelskammer für Oberösterreich der Rückgang des Fremdenverkehrs, was die Zahl der Fremden betraf, mit rund 26 %, was ihre Ausgaben betraf, mit etwa 40 % angegeben.

Verstärkt wurde die wirtschaftliche Flaute durch die politische Pression der von den deutschen Nationalsozialistischen 1933 bald nach ihrem Machtantritt erlassenen „Tausend-Mark-Sperre“, auch wenn Oberösterreich wegen des relativ geringen Anteils deutscher Gäste davon weniger betroffen war als die anderen Bundesländer. 1937 kam man Oberösterreich fast wieder an die Höchstziffern der Nächtigungen im Jahre 1928 heran. Oberösterreich galt vor dem Zweiten Weltkrieg als ausgesprochenes Inländer-Reiseland. 1929/30 entfielen etwa 75 %, 1935/36 mehr als 85 % aller Fremden-Nächtigungen in Oberösterreich auf Inländer, davon allein 51 % auf Wiener.

NS-Zeit
Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich kam es weniger zu einer Steigerung der Zahl der Einzelreisen, sondern vor allem der organisierten Reisen. „Kraft durch Freude“ (KdF) brachte zahlreiche Gruppenreisende ins Salzkammergut. Der in den Statistiken verzeichnete sprunghafte Anstieg der Nächtigungsziffern war allerdings auf die Zweckentfremdung zahlreicher Beherbergungsbetriebe zurückzuführen, die in Lazarette, HJ-Heime und Flüchtlingsquartiere umgewandelt wurden. Dazu kam, dass Oberösterreich und vor allem das Salzkammergut aus verschiedenen Gründen eine magische Anziehungskraft auf NS-Größen ausübte.

Nachkriegszeit
Vom Reiseboom der Nachkriegszeit profitierte auch Oberösterreich, wenn auch nicht so stark wie andere Destinationen.
Für das Reisepublikum nach dem Zweiten Weltkrieg waren zunächst die Kurorte und die Seen interessant. Obwohl sehr bald auch Erholungsaufenthalte im Mühlviertel, im Inn- und Hausruckviertel sowie an der Pyhrnbahn und im Ennstal nachgefragt wurden und Erholungsdörfer oder Urlaub am Bauernhof beworben wurden, blieb das Salzkammergut die dominante Tourismusregion. Immer wichtiger wurde die Wintersaison, bei der Oberösterreich viel weniger stark punkten konnte als die westlichen Bundesländer.

Geht man von der reinen Zahl der Nächtigungen aus, so war 1973 der absolute Höhepunkt erreicht. Von da weg war die Zahl der Übernachtungen in Oberösterreich leicht rückläufig, auch wenn die Ostöffnung Anfang der 1990er Jahre nochmals einen quantitativen Zuwachs brachte. Seit Ende der 1990er Jahre ist der Abwärtstrend gestoppt, bei, auch inflationsbereinigt, steigenden Umsätzen. Das unterstreicht den Trend zum Qualitätstourismus, der in Oberösterreich immer bedeutsamer wird.

Gmunden – Treffpunkt der High Society

In Gmunden gab Erzherzog Maximilian d'Este, der 1830 die Herrschaft Ebenzweier im Gemeindegebiet von Altmünster erworben hatte und dort bis zu seinem Tod 1863 eine glanzvolle Hofhaltung führte, den Anstoß für eine adelige Kolonie. Die Familie des Großherzogs Leopold II. von Toscana, die seit 1869 im österreichischen Exil lebte, kaufte 1869 die Halbinsel Ort samt See- und Landschloss und errichtete die Villa Toscana. 1868 kam König Georg von Hannover dazu, der ebenfalls in Gmunden sein Exil aufschlug. Schloss Cumberland wurde zum Schauplatz des hannoveranischen Hoflebens. Auch die Dynastien der Württemberger und Bourbon-Parma wählten die Gegend zur Sommerfrische.

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In Gmunden gab Erzherzog Maximilian d'Este, der 1830 die Herrschaft Ebenzweier im Gemeindegebiet von Altmünster erworben hatte und dort bis zu seinem Tod 1863 eine glanzvolle Hofhaltung führte, den Anstoß für eine adelige Kolonie. Die Familie des Großherzogs Leopold II. von Toscana, die seit 1869 im österreichischen Exil lebte, kaufte 1869 die Halbinsel Ort samt See- und Landschloss und errichtete die Villa Toscana. 1868 kam König Georg von Hannover dazu, der ebenfalls in Gmunden sein Exil aufschlug. Schloss Cumberland wurde zum Schauplatz des hannoveranischen Hoflebens. Auch die Dynastien der Württemberger und Bourbon-Parma wählten die Gegend zur Sommerfrische.
Es wäre sicherlich übertrieben, nur dem adeligen Flair die Attraktivität des Ortes zuzuschreiben. Friedrich Hebbel besaß seit 1855 sein ständiges Sommerheim in Orth. „Mein Geburtsland ist zwar Ungarn. Wien und Gmunden sind aber meine zweite Heimat“, schrieb der Komponist Karl Goldmark in einem Brief 1910.

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Der Attersee

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte auch der Attersee seine Glanzzeit: Wissenschaftler, Dichter, Komponisten und Maler nahmen hier ihren Sommersitz.

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Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte auch der Attersee seine Glanzzeit: Wissenschaftler, Dichter, Komponisten und Maler nahmen hier ihren Sommersitz.
Hugo Wolf war zu Gast bei der Industriellenfamilie Eckstein in Unterach, wo er unter dem eintönigen Gezwitscher der Finken furchtbar zu leiden hatte. Gustav Mahler verbrachte in Steinbach am Attersee in einem Landgasthof, dem Gasthof zum Höllengebirge, die Sommerferien der Jahre 1893 bis 1896 und ließ sich auf einer Wiese zum See hin von einem Schörflinger Baumeister um etwa 400 Gulden ein kleines, abgeschirmtes Komponierhäuschen errichten.

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Das Mondseeland

Das Mondseeland war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch von wenigen Touristen besucht: Die Wallfahrer hatten sich verlaufen, aber die Gastronomie war noch entsprechend gut. 1868 verbrachten etwa 200 Fremde, alle aus Wien, den Sommer in Mondsee. 1910 kamen bereits 2926 Sommergäste, 1911 schon 3348.

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Das Mondseeland war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch von wenigen Touristen besucht: Die Wallfahrer hatten sich verlaufen, aber die Gastronomie war noch entsprechend gut. 1868 verbrachten etwa 200 Fremde, alle aus Wien, den Sommer in Mondsee. 1910 kamen bereits 2926 Sommergäste, 1911 schon 3348.
1887 beschrieb Peter Rosegger das sommerliche Treiben im Ort: „In Mondsee selbst Wiener Theater, Konzerte, Tingeltangels. Solche Gegenden sollte man nicht in der ‚Saison’ besuchen, wann sie Stadt spielen, sondern im Frühjahre, im Spätherbst, im Winter, wann sie still und groß ihr ehrliches Landtum bekennen.“

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Oberösterreichische Nachrichten, 14. Juni 2008

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