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Glaube? Aberglaube? - Gelehrtenmagie | KULTURAMA Schloss Tollet


Der Exorzismus in St. Georgen bei Grieskirchen

Auch in St. Georgen wurde 1722 ein Exorzismus durchgefĂŒhrt. Pfarrer Geßl versuchte auf diese Weise Johanna Steininger von ihrer „Besessenheit“ zu heilen.
Zu dieser Zeit war Franz Ferdinand von Sprinzenstein Besitzer von Schloss Tollet und Patronatsherr der Kirche St. Georgen. Als er von dem Fall erfuhr, ließ er sich vom St. Georgner Pfarrer regelmĂ€ĂŸig Bericht erstatten. Diese Schriften haben sich im Landesarchiv erhalten. Auch die Schwester des Grafen, Johanna von Sprinzenstein, versuchte zu helfen.

Begonnen hatte alles, als Johanna Steininger mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach St. Georgen kam. Johanna, damals 56 Jahre alt, litt schon seit ihrem 16. Lebensjahr an seltsamen ZustĂ€nden. Sie dichtete zum Beispiel und trug ihre „Werke“ dann in exaltiertem Vortrag den staunenden Zuhörern vor. 300 solcher „GesĂ€nge“ sammelte Pfarrer Geßl dann in seinen Schriften an den Grafen. Als Geßl mit dem Exorzismus begann, verstĂ€rkte sich Johannas Drang zu dichten noch. Zu dem „Dichtzwang“ kam, dass sie manchmal sĂŒndige Gedanken hatte und auch solche AussprĂŒche tĂ€tigte, andererseits war sie immer die erste und letzte in der Kirche.

Geßl verwendete fĂŒr den Exorzismus die ĂŒblichen Requisiten: ExorzismusbĂŒcher von Menghe, Eynatten und Candidus Brognoli. Er begann immer mit dem ersten Vers des Magnifikat: „Meine Seele macht groß den Herrn“. Johanna antwortete mit einem Gesang ĂŒber ein gestelltes Thema. Schließlich kamen auch noch eine Reliquie mit Kreuzpartikel, die ihm GrĂ€fin Johanna gab, Heiligenbilder, eine silberne Nepomukzunge, ein StĂŒck der Gnadenstatue von Altötting, ein Bild der Madonna von Altötting, ein Gebetbuch von Graf Ferdinand, eine Stola aus Altötting, Öl von den Gebeinen des hl. Felix von Cantalico und Lukas-Zettel, also Schluckbildchen, zum Einsatz. Dazu wurde Johanna tröpfchenweise Johanneswein, der am Fest des hl. Johannes geweiht wurde, eingegeben.

Auch zu verschiedenen Marienwallfahrten pilgerte Geßl mit der Kranken. Mit einem Zeugnis ĂŒber Johannas Zustand fuhr er nach Mariazell und ĂŒberbrachte eine Votivtafel. Als aber ein Geistlicher dort die von Geßl mitgebrachten Gedichte Johannas las, begann er, sehr zu dessen Ärger, zu lachen und meinte: „Das tut in Ewigkeit der Teufel nicht, sondern die Person selbst.“ Geßl wollte das aber nicht glauben und fuhr mit Johanna nach Altötting in Bayern, wo er einen besonders krĂ€ftigen Exorzismus vornehmen wollte.
Als auch das nichts nutzte, sollte der Kirchpatron seiner Heimatkirche, der Heilige Georg, der ja auch mit dem Drachen gestritten hatte, helfen.
Dazu wollte er eine weitere Votivtafel machen lassen, die Johanna als verirrtes SchÀfchen und ihn als verteidigenden Hirten zeigt. Es wurde oberhalb der Sakristei aufgehÀngt, ist heute aber leider nicht mehr vorhanden.

Eine besonders skurrile Episode ereignete sich, als Geßl am 24.10.1723 den neu erbauten Pfarrhof in St. Georgen bezog und zu diesem Anlass eine Eröffnungsfeier veranstaltete. Zum Mahl lud er die Armen des Ortes, unter ihnen auch Johanna und ihren Mann, ein. Er machte einen Scherz und meinte, Johanna und ihr Mann mĂŒssten die Stelle von Maria und Joseph einnehmen und ließ sie nach dem Tischgebet am besten Platz des Tisches sitzen. Da begann Johanna einen selbst gedichteten Tischsegen zu singen. Man hatte schon die Suppe aufgetragen und alle warteten hungrig auf das Ende des Gesanges, doch der Tischsegen wollte und wollte nicht enden. Als Johanna endlich aufhörte zu singen, musste man die Suppe abservieren und neu wĂ€rmen.

Mit dem Jahr 1723 enden die Aufzeichnungen, man weiß aber, dass Pfarrer Geßl bei seinem Exorzismus weiterhin erfolglos blieb. Eine Eintragung im Totenbuch der Pfarre St. Georgen bei Grieskirchen lautet: „anno 1740, am 3. MĂ€rz, die arme besessene und gut in die 54 Jahre wider die höllischen Wölfe streitende Johanna Steininger im 74. Jahre ihres Alters.“

In diesem Fall scheiterte also selbst der sonst in seinem seelsorgerischen Tun so erfolgreiche Pfarrer Geßl am Teufel - oder an einer damals nicht erkennbaren und vermutlich auch nicht behandelbaren seelischen Krankheit Johanna Steiningers.
 


Dokumentation der Ausstellung "Glaube? Aberglaube? – Gelehrtenmagie" im KULTURAMA Schloss Tollet vom 26. April bis 2. November 2014 und 2017.

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