Ein Gespräch zwischen Siegfried Kristöfl und Franz Xaver Wimmer
Eva Artelsmair, Hubert Prem, Franz X. Wimmer (Hg.): Kleine Welt zwischen zwei Kriegen. Die Wanderjahre des Schuhmachers Franz Schimpl aus Kirchham. Steyr 2025
Die Idee, dass aus einem Fundstück in einem Familienarchiv ein Buch entstehen könnte, begleitet viele Heimatforscher:innen. Der jüngst im Verlag Ennsthaler erschienene Titel „Kleine Welt zwischen zwei Kriegen“ ist so ein realisierter Wunsch. Es handelt sich um das Tagebuch eines Schuhmachergesellen aus Kirchham. Franz Schimpl fasste nach seiner Lehrzeit den Entschluss, die Welt kennenzulernen; zumindest die, die er ohne Reisepass sehen durfte – also alle Bundesländer der jungen Republik Österreich und mit einem Grenzschein noch ein Stück Deutschland. „Grüß Gott, ein fremder Schuhmacher spricht vor um Arbeit.“ In dreihundert Orten sagt er diesen Spruch auf, vom Bodensee bis nach Wien. Manchmal wird er aufgenommen wie der eigene Sohn. Anderswo muss er seinen Platz mit dem Vieh teilen.
Für das Entstehen des Buches benötigte es neben einem Verleger einer engen Zusammenarbeit dreier Aktiver. Eva Artelsmair, die Enkelin von Franz Schimpl, transkribierte die Aufzeichnungen. Gefunden wurden sie im Haus von Hubert Prem, wo der Bursche aufgewachsen war. Und den Schliff erhielt der Text durch den Journalisten Franz X. Wimmer. Er ergänzte die Erlebnisse mit gut recherchierten Kommentaren und nötigen Erklärungen. Das Schlussstück des Buches bildet ein Beitrag des Schuhfabrikanten Heini Staudinger, der gut vierzig Jahre nach Schimpl die „große Welt“ bereist hat.
So erreichen die Aufzeichnungen des Franz Schimpl rund hundert Jahre später doch ein Publikum, von dem er immer geträumt hat.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Vorweg gleich einmal die direkteste Frage (sozusagen: „in your face“): Im Autorenhinweis Ihres Buches werden Sie beschrieben als „Journalist und Botaniker. Immer dann am glücklichsten, wenn sich beide Interessen miteinander verbinden lassen“. Warum nicht als glücklicher Heimatforscher?
FRANZ X. WIMMER: Bei Heimatforscher-Tagungen bin ich seit fünfzig Jahren ein glücklicher Gast. Glücklich deswegen, weil ich dort Menschen treffe, die für eine Sache brennen. Da ist schnell der Funke übergesprungen, ob es jetzt hinein in Erdställe geht oder um Mund-Arten. Bei all den Themen hab ich aber auch gemerkt - das interessiert mich, das kann ich vielleicht weiter erzählen - aber ein Experte bin ich deswegen nicht. Drum bleib ich bei dem, was ich gelernt hab, beim Journalismus - dem Weitererzählen - und bei der Botanik und da wieder bei der Moor- und Torfkunde.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Anlass für unser Gespräch ist das Erscheinen des Buchs: „Kleine Welt zwischen zwei Kriegen. Die Wanderjahre des Schuhmachers Franz Schimpl aus Kirchham.“ Dieses Buch kennt mehrere Urheber und Verantwortliche: Wie ergab sich dieses Projekt? Wie war der Verlauf, wie die Zusammenarbeit?
FRANZ X. WIMMER: Eva Artelsmair, die Enkelin unseres Schuhmachers, ist zu mir dem Journalisten gekommen und hat gefragt, was man denn mit so einem Tagebuch-Manuskript machen könnte. Das Gute war, sie hatte den Text schon buchstabengetreu im Computer erfasst. Wir haben diskutiert, haben drin gelesen und waren uns bald einig, dass das Material für ein Buch sein könnte. Zusammen mit Hubert Prem - er hat in die Schuhmacherfamilie eingeheiratet - haben wir diese Ideen dann mit Christoph Ennsthaler, unserem Verleger, zu einem Konzept geformt.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Sie schreiben darin die editorischen Hinweise und die in den Originaltext eingefügten historischen „Erläuterungen“? Wie kam es zu dieser Lösung bzw. wie ergab sich dieses Konzept?
FRANZ X. WIMMER: Wir sehen uns auf der einen Seite als „Anwälte“ des Franz Schimpl. Sein Text soll möglichst im Original wieder gegeben werden, mit so wenig Eingriffen als möglich. Auf der anderen Seite schreibt Franz Schimpl seine Erlebnisse vor bald hundert Jahren nieder. Für ihn ist vieles selbstverständlich, was wir uns heute erst wieder erarbeiten müssen: Der Fußgänger vor hundert Jahren trifft selbst auf Hauptstraßen kaum einmal auf ein Auto.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Was ist das Attraktive an diesen Aufzeichnungen: Ist es die Idee der Wanderjahre eines Handwerkers, sind es die Reisebeschreibungen durch die Bundesländer der jungen Republik? Oder ist es das Phänomen des unentdeckten Manuskripts, einer Flaschenpost aus einer anderen Zeit, gefunden in unmittelbarer Nähe der Leser:innen?
FRANZ X. WIMMER: Für uns ist es eine Mischung aus all dem. Am wichtigsten war uns aber das zu tun, was sich Franz Schimpl offensichtlich gewünscht hat - dass dieser Text zu Leserinnen und Lesern kommt. Schimpl denkt immer das Publikum mit.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Welche Mentalität steckt wohl hinter und zwischen den Zeilen? Der Schuster Franz Schimpl schrieb das Tagebuch im Nachhinein: „In den freien Stunden meiner Arbeitszeit“. Was ist diesem Mann wichtig zu erzählen und weiterzugeben?
FRANZ X. WIMMER: Da rätseln wir auch noch immer: Vielleicht ist es der Wunsch, das sagen zu können, was er damals nach seiner Gesellenreise nicht so klar formulieren hat wollen oder können. Als Reisender, der zurück kommt in seine Heimat will er einen bestimmten Eindruck hinterlassen - vielleicht einen, der ein wenig geheimnisvoll ist. Niemand braucht wissen, was er genau gemacht hat: Das erste und das letzte Stück des Weges, von Kirchham aus gesehen, fährt er mit dem Zug.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Euer Buch ist sorgfältig entwickelt. Auch die bisherigen Lesungen bzw. Buchpräsentationen sind bis ins Detail liebevoll gestaltet: Mit vielen historischen Objekten, die ein rustikales Setting ergeben, mit einem lesenden Verleger und Musikerinnen, sogar mit Krapfen; d.h. der Text wird fast szenisch eingebettet: Ist euch das persönlich wichtig, um Nostalgie zu wecken, oder ist das die heute notwendige Form, um Heimatforscherisches lebendig zu präsentieren?
FRANZ X. WIMMER: Ein Buch zu schreiben ist viel Arbeit - für alle Beteiligten. Ein Buch lesen, das kann jede und jeder, wo er oder sie will. Wenn wir zu einer Präsentation einladen, dann sollen die Menschen was mitnehmen können, das mehr ist als das gedruckte Buch: Wenn Marie Artelsmair auf der Bratsche und Tina Breml auf der Zither genau jene Musik spielen, die auch Franz Schimpl gespielt hat, wenn wir auf den Stühlen aus dem Weinbergerschen Photo-Atelier sitzen, wenn ich zwischendurch am Krapfen naschen darf und mein Bier trinken, dann machen wir uns zuerst einmal selbst eine Freude. Und wir hoffen, dass die auch überspringt auf die Zuhörerinnen und Zuhörer.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Solche privaten Aufzeichnungen, Briefe oder Notizen schlummern möglicherweise in vielen Familienarchiven. Können Sie bitte ein Plädoyer für den bereichernden Umgang damit geben!
FRANZ X. WIMMER: Es gibt immer einen Weg, was Bereicherndes mit diesen Unterlagen zu tun. Oft aber stecken Menschen fest, in genau einer Art damit umzugehen. Da träumen manche bis zum Lebensende von einem Buch. Nicht jedes Manuskript taugt zu einem Buch. Vielleicht kann eine Ausstellung draus werden, vielleicht eine Broschüre, ein Kunstprojekt, ein Zeitungsbeitrag - oder der Kern für ein Archiv. Was hilft, ist das Reden miteinander. Da findet sich vielleicht auch wer, der sich drum kümmert, wie solche Bestände für die Zukunft bewahrt werden können.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Vor diesem zeitgeschichtlichen, biographischen Text waren Sie auch schon bei vielen anderen interessanten Projekten beteiligt. Sie haben an Heimatbüchern mitgeschrieben oder Aufsätze zu Zaubererprozessen im 17. Jahrhundert verfasst. Das sind unterschiedliche Inhalte, veröffentlicht in unterschiedlichen Formaten. Was sind dabei die wesentlichen, gleichbleibenden Herausforderungen, was die größten Unterschiede?
FRANZ X. WIMMER: Die größte Herausforderung ist die Spannung auszuhalten zwischen der ersten Idee, den großen Plänen und der dann doch nicht so großartigen Umsetzung. Aber ich glaub, das wird mit zunehmender Erfahrung besser.
Was sich auch bewährt hat, ist die gemeinsame Arbeit an solchen Projekten. Da darf man sich nicht zuviel Idylle in der „Teamarbeit“ vorstellen. Die aus meiner Sicht besten Bücher sind durch dauernde Reibung aneinander entstanden.
Einer der wichtigsten Unterschiede ist für mich - mitzudenken, wer denn mein Publikum ist. Natürlich soll auch eine Fachpublikation verständlich sein. Wenn ich es aber bei einem Zeitungsbeitrag nicht schaffe, meine Leserinnen und Leser hineinzuziehen in die „Gschicht“, dann steh ich schnell alleine da.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Und schlussendlich verfassen Sie regelmäßig die Serie „anno dazumal“ in einer Gratis-Zeitung im Traunviertel. Damit sind Sie zweifellos ein Pionier bzw. Veteran in der Vermittlung heimatforscherischen Wissens. Wie entstand die Idee dazu, wie sehr geben Ihnen die Resonanz und die Reaktionen recht?
FRANZ X. WIMMER: Diese Gratis-Zeitung hat seit bald dreißig Jahren den Grundsatz, dass hier „positive Gschichten“ zu finden sein sollen, Beiträge, aus denen ich als Leserin und Leser einen Nutzen ziehen kann. Heimatforschung tut genau das. Die Rückmeldungen sind recht positiv, aber da wär ich vorsichtig, wie weit das jetzt als Meinungsumfrage zu werten ist.
SIEGFRIED KRISTÖFL: Wie nehmen Sie die publizierende Heimatforschungs-Szene in OÖ wahr bzw. den Markt an Möglichkeiten, in diesem Land ein Medium und ein Publikum zu finden? Was würden Sie verbessern, könnten Sie etwas verändern?
FRANZ X. WIMMER: Ich bin ein alter Papier-Tiger. Und so urteile ich auch über Publikationen. Ich erlebe eine digitale Übersättigung. Und überall dort, wo eine gut eingeführte Zeitschrift oder eine Buchreihe in Papierform eingestellt worden ist, hat die digitale Version eine Lücke hinterlassen.
Den Markt an Möglichkeiten find ich ausreichend. Vor allem, weil ich für Oberösterreich auch Verlage und Medien jenseits der Landesgrenze mitdenken möchte.
Was zum Verbessern wär? Ich würde gern dran erinnern, dass all die alten Berufe zwischen Grafik, Lektorat, Satz und Druck zwar selten geworden sind, dass die Fähigkeiten aber noch immer gebraucht würden.