Ines Bernt-Koppensteiner (Hg.): nirgendwohin. Todesmärsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft. Steyr 2015

am 08.03.2017
 von [EK]
2015 erschien ein Sammelband, der sich mit den Todesmärschen ungarischer Jüdinnen und Juden und von KZ-Häftlingen durch Oberösterreich 1945 auseinandersetzt. Anhand von Prozessakten und zahlreichen Interviews beleuchtet der Band das Schicksal dieser Menschen und der Geschehnisse im April 1945, über die jahrzehntelang ein Mantel des Schweigens gehüllt war.

April 1945: Quer durch Oberösterreich und nirgendwohin

Als das Großdeutsche Reich immer kleiner und der Streifen, den das Terrorregime noch beherrschte, immer schmäler wurde, mussten sich Tausende Jüdinnen und Juden aus Ungarn auf wochenlangen „Todesmärschen“ quer durch Österreich schleppen. Das Schicksal dieser Menschen wie auch die Reaktionen der einheimischen Bevölkerung waren bisher für Oberösterreich kaum erforscht. Der Band „nirgendwohin. Todesmärsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft“, herausgegeben und mit Beiträgen versehen von Ines Bernt-Koppensteiner schließt diese Lücke. Der Titel "nirgendwohin" deutet auf die Perspektivenlosigkeit jener Menschen hin, die im April 1945 durch den ehemaligen "Gau Oberdonau" getrieben wurden. Sie kannten weder einzelne Etappenziele noch das Endziel.

 


Im Zentrum der Recherchen von Bernt-Koppensteiner stand das Schicksal der Entrechteten, die von den Schanzarbeiten am sogenannten "Südost-Wall" oft tagelang ohne Verpflegung quer durch Österreich ins KZ Mauthausen und weiter ins KZ Gunskirchen getrieben wurden. In diesem Zusammenhang wurde aber auch ein Augenmerk auf jene wenigen mutigen Menschen gelegt, die trotz strikter Verbote aus Mitleid versuchten, den Vorbeiziehenden zu helfen. Neben Misshandlungen und Morden gab es eben auch viele hilfsbereite Menschen - meist Frauen - die trotz vehementer Drohungen des Wachpersonals den Mut und die Zivilcourage aufbrachten, den Hungernden und Dürstenden Wasser zu reichen bzw. Essen zuzustecken. Ihnen ist das Buch gewidmet.

 


Zudem traten die Täter aus den Reihen der Zivilbevölkerung in den Fokus der Forschung. Die Bewacher dieser entrechteten Menschen stammten aus der Mitte der Gesellschaft: örtliche Volkssturmmänner und Gendarmen unter Aufsicht einiger SS-Chargen. Die Gefangenen mussten bis zu vierzig Kilometer pro Tag meistens ohne Verpflegung zurücklegen. Wer nicht mehr weiter konnte, wurde oftmals an Ort und Stelle erschlagen, erschossen oder starb an Erschöpfung im Straßengraben.

 


Ebenfalls im April 1945 mussten – zeitgleich mit den Todesmärschen der ungarischen Jüdinnen und Juden – geschwächte KZ-Häftlinge in endlos langen Fußmärschen den Weg von zehn Außenlagern des KZ-Komplexes Mauthausen im Raum „Groß-Wien“ und zwei Außenlager im Raum Graz zurück ins Stammlager oder in die Auffanglager Ebensee und Steyr zurücklegen. Viele von ihnen waren oft bereits mit Evakuierungstransporten aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern vor der vorrückenden Front ins KZ Mauthausen verschleppt worden und hatten in meist unterirdischen Anlagen für die Steyr-Daimler-Puch AG und andere Rüstungsbetriebe Zwangsarbeit verrichtet.
Durch das Ennstal zogen außer dem großen Transport noch mindestens vier kleinere Kolonnen, die genau nachgezeichnet werden. Auf der Strecke von Graz bis Micheldorf/Kremstal konnten zwei gleichzeitig marschierende Kolonnen von KZ-Häftlingen und ungarischen Jüdinnen und Juden verifiziert werden.

 


Für den Raum Steyr/Sierning gelang es, die Route der tagelang auf Bauernhöfen einquartierten KZ-Häftlinge der Saurer Werke aus Wien Simmering von der eines Transports ungarisch-jüdischer ZwangarbeiterInnen aus Graz-Liebenau mittels Prozessakten und Aussagen von ZeitzeugInnen zu trennen und das Rätsel um das Massengrab in Sierning zu lösen. Die Wegstrecken der beiden Transporte durch Steyr konnte beschrieben und ein Sammelplatz in Steyr-Gleink lokalisiert werden. Einigen wenigen der namenlos am Straßenrand verscharrten Opfer konnten im Zuge der Recherchen ihre Namen zurückgegeben werden.

 


Den Co-Autoren Alexander Schinko und Fritz Käferböck-Stelzer war es durch ihre Recherche gelungen, neben der bekannten eine zweite Route vom KZ Mauthausen ins KZ Gunskirchen nachzuweisen und die Massengräber in Neuhofen/Krems und St. Marien diesem Todesmarsch zuzuordnen.
So wurde es möglich, aus vielen Einzelinformationen ein Bild der verschiedenen "Rückführungsmärsche" durch Oberösterreich zu zeichnen.

 


Im Kapitel „erinnern – gedenken – handeln“ fragen sich Waltraud Neuhauser-Pfeiffer und Erwin Dorn, welche Auswirkungen die Erlebnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen haben, wie an jene Ereignisse erinnert werden kann, damit aus der Gegenwart heraus Zukunft gestaltbar wird und was notwendig ist, um eine Gedenkkultur neuen Formats zu ermöglichen. Sie wollen Anstoß für einen neuen pädagogischen Umgang mit Erinnerungskultur geben. Wie kann zeitgemäßes Erinnern aussehen? Was ist nötig, um eine neue Gedenkkultur zu ermöglichen und verantwortungsvolles Handeln zu begründen? Der Umgang mit der Erinnerung an die Shoa muss neu überdacht werden. Der psychoanalytische Blick hielt in den letzten Jahren verstärkt Einzug in die Erinnerungskultur. Es bedarf neuer Erinnerungsmodelle für die dritte und vierte Generation nach dem Holocaust. Aus diesen Fragen soll ein neues pädagogisches Konzept anhand der Erinnerung an die "Todesmärsche" entwickelt werden.

 


Jahrzehntelang lag der Schleier des Vergessenwollens über diesen sogenannten "Endphaseverbrechen". Aufschluss über einen kleinen Teil dieser Verbrechen geben die wenigen diesbezüglichen Akten der Nachkriegsprozesse in Linz, soweit die Täter angezeigt wurden. Zeugenaussagen ermöglichten die Zuordnung zahlreicher Berichte der letzten ZeitzeugInnen zu den Routen der Todesmärsche. Viele, die damals noch Kinder waren, hatten noch nie über ihre Beobachtungen gesprochen. Diese verschütteten Erinnerungen, in 90 Interviews "hervorgeholt", sind neben den Prozessakten die Basis der vorliegenden Publikation. Die AutorInnen leben und arbeiten in der Region, wie es bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit vielfach der Fall ist. Es ist zu wünschen, dass die akademische Forschung und offizielle Erinnerungsstellen solche regionalen Arbeiten mehr beachten. Noch mehr zu wünschen ist aber, dass das Buch viele anregt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

 


(Dr. Ines Bernt-Koppensteiner)

 

 

 

Ines Bernt-Koppensteiner (Hg.): nirgendwohin. Todesmärsche durch Oberösterreich 1945. Eine Spurensuche in die Zukunft. Ennsthaler Verlag, Steyr 2015.
Hardcover, 468 Seiten,
Mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen.
Beilage: Straßenkarte mit den Routen der Todesmärsche.
ISBN 978-3-85068-954-0
Preis: € 34,--
http://www.ennsthaler.at