KAP KREMSMÜNSTER | Eine Installation am Rathausplatz von Kremsmünster

am 07.06.2017
 von [Siegfried Kristöfl]
Das "Reiss-Haus" am Rathausplatz von Kremsmünster bildet in diesem Sommer den Schauplatz der Erzählung über das "Kap Kremsmünster", einem Teil des "Franz-Josef Landes" im Nördlichen Eismeer, und über die Beziehungen des kleinen Kremsmünster zur großen Welt.

 
„Kap Kremsmünster“
Am Rathausplatz wurde ein leerstehendes Gebäude durch eine überdimensionale Bildtapete ‚verhüllt‘. Auf mehr als 300 m² und über drei Stockwerke erstreckt sich ein arktisches „Kap Kremsmünster“, mit verschiedenen Symbolen und erklärenden Texttafeln. Die beeindruckende Szenerie erzählt von der Entwicklung des Marktes im 19. Jahrhundert und dessen historischen Erbes, gleichzeitig von der Selbstverständlichkeit der Globalisierung und deren Dynamik, die schon immer auch in der vermeintlichen Provinz spürbar war.

Dieses „Kap Kremsmünster“ gibt es wirklich und ist ein spielerisches Element, das nur allzu gut zum „Baum mitten in der Welt“ passt, der sich ja bekanntlich in Kremsmünster als höchster Punkt befindet: Wenn Kremsmünster - so die phantasievolle Ausgangslage – die Mitte der Welt bildet, dann muss es an einer Seite ins eisige Meer ragen – genauso wie das „Kap Kremsmünster“ …

Kremsmünster – historisches Erbe

Ein Marktbrand vernichtete 1802 einen Großteil der Bausubstanz des Ortskerns, so dass barocke oder gar gotische Elemente eigentlich nur mehr in der Herrengasse, auf dem Weg hinauf ins Stift, zu sehen sind. Die meisten Häuser am Rathausplatz gehörten Gastwirten und Fleischhauern. Die Bäcker und Müllner hatten ihre Betriebe und Wohnungen etwas weiter oben direkt am schmalen Mühlbach angelegt. Mit der Zeit veränderte sich die Funktion der Häuser.

 
Die Westseite des Rathausplatzes nimmt das besagte „Reiss-Haus“ ein, das sich durch die künstlerische Intervention im Frühsommer 2017 in ein „Eis-Haus“ verwandelte. Auch seine Giebelseite in der Hauptstraße bildet phantasievoll die arktische Szenerie ab.

Drei Original-Landkarten aus der Phase der Entdeckung zeigen das einzigartige „Kap Kremsmünster“. Es ist eine Gegend voller Eis und Finsternis. So titelte auch der oberösterreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr seinen ersten Roman - „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ -, in dem er von der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition erzählt, die diesen im wahrsten Sinn des Wortes ‚weißen‘ Fleck auf der Landkarte in den 1870er Jahren entdeckte:


Payer streut seine Namen wie Bannsprüche über den Archipel, forscht dabei in seinen Erinnerungen und findet immer neue Städte und Freunde, die er im Eis verewigen will, und vergisst dabei doch nie, auch dem Herrscherhaus, der Kunst und der Wissenschaft zu huldigen: Cap Grillparzer sagt er zu einem wüsten Felsenturm und Cap Kremsmünster zu einem anderen.
(Aus: Christoph Ransmayr, Die Schrecken des Eises und der Finsternis, Wien 1984)


Für die Marktgemeinde Kremsmünster

Organisation: Verein Kremsmünster 2020
Gestaltungskonzept: Alexandre Collon
Kuration, Text: Siegfried Kristöfl
Ausführung: Weingartsberger GmbH

Unterstützt mit Fördermitteln der LEADER-Region Traunviertler Alpenvorland

Historisches zur Entdeckung von „Kap Kremsmünster“ 1874
1877 feierte Kremsmünster den elfhundertsten Geburtstag seines Stiftes. Drei Jahre davor feierten Wien und die ganze Monarchie die Rückkehr zweier Forscher: Carl Weyprecht und Julius Payer. Sie hatten die „Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition“ angeführt und dabei unbekanntes Land entdeckt - ein Insel-Archipel, den sie nach ihrem Kaiser „Franz-Josef-Land“ benannten. Im Frühjahr 1874 war Payer mit einer kleinen Gruppe immer weiter nach Norden gezogen, um die eisige Landschaft zu erforschen. Markanten Punkten hatte er Namen gegeben. Eine Felsnase in der Arktischen See - bislang von niemandem betreten und gesehen - heißt seither „Kap Kremsmünster“.
Kremsmünster - anno 1874

  • Im „Reiss-Haus“ zieht zum ersten Mal ein Kaufmann ein und bedient die Kundschaft in einem Geschäft.
  • Franz Hönig (* 1867), Kremsmünster Urgestein, Mundartdichter und Bürgermeister, beginnt in der Volksschule seine Schreibkarriere.
  • Vor zwei Jahren hat sich im Markt eine kräftige Gruppe von Männern zu einem Gesangsverein namens „Harmonie“ verbunden.
  • Der Stiftsobergärtner Josef Runkel (* 1817) beschäftigt sich mit der Anlage eines „Coniferengartens“ im Auftrag des Abtes Augustin Reslhuber. Er pflanzt ausländische Nadelhölzer. Erhalten geblieben davon ist der Ginkgo-Baum vorm heutigen Pfarrheim.
  • Mehrere kleine Gemeinden, darunter auch Kremsmünster-Markt und Kremsmünster-Land, werden zusammengelegt. Ein Experiment, das nach fünf Jahren scheitert. Weder Bürger noch Bauern lassen sich was gefallen.
  • Julius Hann ist eben zum Professor für physikalische Geographie an der Uni Wien ernannt worden. Er lebte als Teenager in Kremsmünster. Bald wird er der nächste Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und schließlich zum Doyen der Wetter- und Klimaforschung.
  • Die Firma Greiner ist eine aufstrebende schwäbische Greißlerei (seit 1868) und hat mit Kremsmünster noch nichts zu tun.
Ein nach außen gestülptes Heimat-Haus - „Kremsmünsterer Definitionen“

Dampflokomotive, die –

Der Markt Kremsmünster war gebaut für Fußgeher, Wanderer und Vieh. Kutschen erledigten die Transporte. Frühe Verbesserungen der Wege waren Brücken über die Krems und eine weniger steile Straße hinauf zum Stift. Den ersten Bahnhof erhielt Kremsmünster 1881, angelegt abseits des Marktes, hart an der Gemeindegrenze. Er war eine Zeit lang der End- und Wendepunkt der Kremstalbahn aus Linz. Die Fahrt nach Norden in die Landeshauptstadt betrug zwei Stunden und zehn Minuten.

Eisbär, der –

Größte lebende Bedrohung der Polarforscher bei ihren Expeditionen durch das ewige Eis rund um Kap Kremsmünster. Nicht vergleichbar mit dem Wildschwein des Kremstals, weil kein Jagdobjekt und potentielles Opfer, sondern selbst der gefährliche Jäger.

Fotografie, die –

Zeigt Julius Payer: Offizier, Gelehrter, Erstbesteiger, Polarforscher. Nach der Rückkehr von der „Österreichisch-Ungarischen Nordpolexpedition“ in den Adelsstand erhoben. Im Frühjahr 1874 war er im „Franz-Josef-Land“ soweit nach Norden gezogen wie möglich. Dabei benannte er einen markanten Punkt als „Kap Kremsmünster“.

Franz-Josef-Land, das –

Vergletscherte Inselgruppe im Arktischen Ozean mit einem „Kap Kremsmünster“ im nordöstlichen Teil. Zwischen 1872 und 1874 entdeckt und benannt durch die „Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition“. Gut zwanzig Jahre später genau vermessen vom britischen Polarforscher Frederick G. Jackson. 1926 von der Sowjetunion annektiert, davor Niemandsland, danach militärisches Sperrgebiet. Im Grunde unbewohnt. Spärliche Vegetation. Lebensraum vorwiegend für Robben, Wale und Eisbären.

Luftschiff, das –

Ein Zeppelin überflog 1929 Oberösterreich, drei Jahre später – um einiges spektakulärer – das „Franz-Josef-Land“ und das Kap Kremsmünster. Die ersten Heißluftballone der Brüder Montgolfier hoben 1783 in Frankreich ab. In Kremsmünster stieg 1788 zum ersten Mal ein Ballon im Konventgarten höher als die Sternwarte auf, um im nächsten Hof wieder zu landen.

Mammut, das –

Ausgestorbene Gattung der Elefanten, ausgestattet mit beachtlichen Stoßzähnen. Die Spezies scheiterte wahrscheinlich am Klimawandel und ist damit ein Beweis, dass nicht immer die Stärksten überleben. Vor einer Million Jahren besiedelten sie den Kontinent bis an die sibirischen Ufer des Arktischen Ozeans und zogen auch durch Kremsmünster.

Palme, die –

Baumähnliche Pflanze, wuchs schon zur Zeit der Mammuts. Wenn Kremsmünster mitten in der Welt liegt, dann begrenzt die eine Seite ein Eismeer und die andere Seite ein Palmenstrand. Im brasilianischen Bundesstaat Bahia liegt die Diözese Barreiras, die mit dem Stift engstens verbunden ist. Ricardo José Weberberger war ab 1979 ihr erster Bischof und als P. Richard Mitglied der hiesigen Klostergemeinschaft seit 1958.

Polarforscher, der –

Julius Payer und Carl Weyprecht erforschten mit ihrem Team den Insel-Archipel „Franz-Josef-Land“. Nationen wie Norwegen, Russland, Italien oder Großbritannien unterstützten weitere Expeditionen. Viele suchten den Weg zum Nordpol. Die Anreise der Mannschaften erfolgte mit Schiffen, die meist im Eis stecken blieben und drifteten. Die Erkundungstouren erfolgten in kleinen Gruppen mit Schlitten.

Sterne, drei, goldene –

Keine Auszeichnung für das gastronomische Niveau im Markt Kremsmünster um 1900, sondern Hinweis auf die vielen Gaststätten, die dort einen Namen mit „gold“ als Attribut führten (u.a. „Zum goldenen Stern“), und Anspielung auf die „goldenen“ Zeiten, die die Wirte im Markt damals erlebten. Die Bürger trafen sich an Stammtischen und wärmten sich in den Gaststuben. Soziale Kommunikationsorte, die es 1874 im nördlichen Eismeer nicht gab.

Sternwarte, die –

Vollendet 1758, geplant und errichtet in europäisch-aufgeklärten Zeiten. Kremsmünster wurde dadurch zum Zentrum der Naturwissenschaften. Mit ihrer Höhe von knapp 50 Metern oft als ältestes Hochhaus Europas beschrieben. Der Blick von oben ging weniger Richtung Nordpol denn nächtens zum Sternenhimmel.

Stifter, Adalbert –

Schriftsteller, Denkmalschützer, Maler, Schulinspektor. Er liebte den Ort Kremsmünster mit dem Stift und schwärmte von der Umgebung als ideale Landschaft. 1842 erlebte er eine Sonnenfinsternis, 1858 sah er bei Triest zum ersten Mal ein Meer. Beides bewegte ihn sehr. Stifter starb vier Jahre vor Beginn der „Österreichisch-Ungarischen Nordpolexpedition“.

Tassilokelch, der –

Kultgegenstand, Kulturgut, Museumsobjekt, aufbewahrt im Stift Kremsmünster seit mehr als 1.200 Jahren. Benannt nach dem Gründer desselben Klosters Herzog Tassilo III., Haupt der Familie der Agilolfinger, Anführer des frühmittelalterlichen Volkes der Bajuwaren. Er kam nicht als Entdecker, sondern eher als Eroberer der hiesigen Region, die bereits als besiedelt galt.
 
Autor: Siegfrid Kristöfl, Kremsmünster