Eine kurze Nachlese
Gemeinsam mit einer Gruppe von Heimatforscher:innen besuchten Sigi Kristöfl und Elisabeth Kreuzwieser von der ARGE Regional- und Heimatforschung/Verbund OÖ Museen die Galerie der Künstlerin Christine Saari am Hirschengut in Steinbach an der Steyr. Dazu kam Franz X. Wimmer, Mitherausgeber der Publikation "Kleine Welt zwischen zwei Kriegen".
Dieser besondere Ort ist Speicher einer interessanten Familiengeschichte mit Objekten aus dem Nachlass ihrer Vorfahren, aber auch Objekten aus der gegenwärtigen Familie. Vor allem die unzähligen Briefe sind biographische Quellen und gleichzeitig Ausgangsmaterial für Christine Saaris künstlerische Objekte. Mit Fotos und weiteren Stücken aus dem Familienbesitz gestaltet und füllt Christine Koffer, Kästchen, Schachteln und Taschen, um die Geschichte(n) von Menschen zu erzählen, die ihr Leben prägten. Der stimmungsvolle Raum lädt zum Innehalten, Entdecken und Erinnern ein. Die individuellen Schicksale von Verwandten und Freunden stehen in Verbindung mit großen Ereignissen der (Zeit)Geschichte und geben allen Besucher:innen Impulse, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.
Ähnlich inspirierend wirken die Tagebuchaufzeichnungen des Schuhmachers Franz Schimpl aus Kirchham in den 1930er Jahren. In dem Buch "Kleine Welt zwischen zwei Kriegen" (erschienen 2025 im Verlag Ennsthaler) hat der Mitherausgeber Franz X. Wimmer dessen Wanderjahre zum Leben erweckt. Die Reiseberichte erreichen dadurch heute eine Öffentlichkeit, die sich der junge Mann seinerzeit gewünscht hat.
Diese zwei interessanten Beispiele gaben reichlich Stoff für eine angeregte Diskussion der teilnehmenden Forscher:innen. Das große Thema waren Ansätze, wie Familiengeschichte bewahrt und weitergegeben werden kann, und die Motivation, persönliche Geschichten zu erinnern und öffentlich zu machen.
Elisabeth Kreuzwieser, 2026
Reflexion: Familiengeschichten. Erfahrungen aus dem Heimatforschungs-Lehrgang
Wie immer, bot auch dieser study visit die Gelegenheit, einen besonderen Ort und besondere Projekte kennenzulernen, und gleichzeitig die Möglichkeit, sich auszutauschen und seinen Erfahrungsschatz und Wissensstand mit dem von Kolleg:innen zu vergleichen. In dieser anregenden Stimmung näherte man sich auch der Selbstvergewisserung: Was treibt uns an? Was lässt uns forschen?
In einem Ö1-Radio-Beitrag der Sendereihe Dimensionen, der in zeitlicher Nähe ausgestrahlt wurde und den Ausbildungslehrgang Heimatforschung der Akademie der Volkskultur zum Thema hatte, kam eine ähnliche Frage auf. Nämlich die nach der Motivation der Kursteilnehmer:innen. Die Erfahrung zeigt, es ist das Bedürfnis nach Sicherheit und gleichzeitig das Gefühl der Spannung, also der Wunsch nach eindeutigen Antworten und gesichertem Wissen genauso wie der Reiz, unbekannte Details zu finden und versteckte Zusammenhänge aufzuspüren. Es ist die Suche, die fasziniert. Es ist das Wissen-Wollen, das anspornt. Und all das sehr oft konzentriert am Feld von Familiengeschichten. Man möchte mehr als bloß die Namen der Vorfahren entdecken. Man möchte deren Leben nachvollziehen, deren Entscheidungen verstehen und von ihren Schicksalen lebendig erzählen können.
Literarisch beschrieb Danilo Kiš in den 1970er Jahren so ein komplettes Werk in seiner berühmten Erzählung „Die Enzyklopädie der Toten“. Jene Bände enthalten alle Informationen zu Verstorbenen, zu deren menschlichen Beziehungen und Begegnungen an allen Orten ihrer Existenz. Die Menge an Einzelheiten würde für die Leser:in die komplette Lebensgeschichte eines geliebten Menschen ergeben und damit Verständnis und Erklärung für dessen Handeln.
Wenn es nun diesen Wunsch gäbe, im Rahmen des Heimatforschungs-Lehrgangs auf genau solche Bände zu stoßen und endlich seine Vorfahren zu erblättern, so gab es bisher ganz sicher noch nicht den formulierten Ehrgeiz, genau solche kompletten Biographien zu verfassen. Die Lehrgangsleitung würde selbigen auch sofort bremsen: Dieser Traum erfüllt sich nämlich nur literarisch, überschreitet in der Realität die Grenzen der Heimatforschung bei weitem.
Genealogie als Grundgerüst für Familiengeschichten
Eine Form der Annäherung an so eine Sammlung an Lebens- und Familiengeschichten bietet den Heimatforschenden die Genealogie. Am Beginn der akademischen Geschichtsschreibung eine Hilfswissenschaft stellt sie für viele den niederschwelligen Einstieg in die Beschäftigung mit Vergangenheit, Geschichte und Herkunft dar.
Einst konzentriert auf adelige Abstammung oder – etwas später – ausgerollt, um eugenische bzw. rassistische Konzepte zu etablieren, bietet Ahnenforschung heutzutage die neutrale Struktur, um Familienüberlieferungen zu gliedern, und die Basis, um Familiengeschichten zu ordnen. Viele Teilnehmende im Heimatforschungslehrgang widmen sich in ihren Abschlussarbeiten intensiven genealogischen Recherchen. Und das ist gern gesehen, eröffnet sich dabei den Forschenden doch eine abwechslungsreiche Quellenwelt. Und gleichzeitig erfahren sie in der Praxis die Logik des Forschungshandwerks mit seinem gemessenen schrittweisen Vorgehen von einem gesicherten Ergebnis zum nächsten möglichen Befund. Den Weg zu den Quellen zu finden und im Umgang mit Archivalien geübt zu werden, ist ein didaktisches Ziel des Lehrgangs und der klassische Prüfstein der Geschichtswissenschaft, egal welche Dimension die Forschungsarbeit annimmt und egal wie anekdotisch oder wie strukturell der Ansatz ist.
Im Lehrgang sind die erschlossenen Familiengefüge in der Regel die eigenen Vorfahren und sie sind traditionell biologisch konstruiert. Soziale Netzwerke bleiben eigentlich unberücksichtigt, lassen sich auch aus dem Quellenmaterial nicht so eindeutig erschließen wie Verwandtschaftsverhältnisse. Das Sammeln vertikaler Familiendaten dominiert, auch wenn das Erblühen der dürren Zahlen- und Namensäste etwa durch Gespräche mit Zeitzeug:innen von allen Forschenden als sehr erstrebenswert gesehen wird.
Sportlich ausgedrückt bietet das Stammbaumklettern eine dosierte Menge an Forschungs-Adrenalin und die Chance auf viele Erfolge beim Erreichen gewisser Jahrhundertmarken und beim Komplettieren von Verwandtschaftszweigen.
Spätestens wenn man die Rekonstruktion geschafft hat, ist die subjektive Interpretation der Folgeschritt in der Beschäftigung mit Familiengeschichte. Das Datengerüst aus Zahlen, Orten und Namen muss gedeutet und beschrieben werden, um es zu vermitteln und weiterzuerzählen.
Familiengeschichten erzählen
Es gibt ein breites Spektrum an Sicht- und Erzählweisen, mit einer selbst erforschten Familiengeschichte umzugehen. Diese subjektiven Positionen bestimmen bereits den Schwerpunkt des Forschungsinteresses und den Zielpunkt der Recherche.
Die emotionale Nähe bei der Erforschung von Familiengeschichten, noch dazu der eigenen, ist eine Selbstverständlichkeit, um nicht zu sagen ein Naturgesetz. Ihr kann man nicht entkommen, man muss nur darüber Bescheid wissen, nüchtern bleiben und sich selbst auch immer in Beobachtung haben. Ein einfacheres Hausmittel gegen einen möglichen Forschungs-Bias gibt es nicht.
Mit Empathie ist ein wertschätzender Blick auf die Familiengeschichte möglich: Man erfährt aus der Geschichte der Vorfahren etwas über die Bereitschaft, neu anzufangen, über Situationen im Leben, an denen es gilt weiterzumachen oder den Mut zu haben, neu anzufangen. Manche Schicksale können dafür Musterbeispiele darstellen, manche Lebensläufe zum Vorbild der eigenen Lebensführung werden.
Immer ist die Suche nach den Vorfahren ein Vorantasten in eine zeitliche Tiefe, mit der man im Alltag nichts zu tun hat. Und wenn auch die große Frage: Woher wir kommen weder durch kirchen- noch durch grundbücherliche Eintragungen zu beantworten ist, weil sich die Forschung ja immer im Rahmen der geordneten, bürokratischen Schriftlichkeit bewegt, wird zumindest geschichtliches Allgemeinwissen im Abgleichen der zeitlichen Parallelen von chronologischen Fakten zu familiären Ereignissen fassbarer und verständlicher.
Auch der Spruch von den Zwergen auf den Schultern von Riesen wird nachvollziehbarer und zumindest als Stehen auf den Schultern vieler Vorfahren erkannt. Viele Forschende erfüllt es mit Demut, ein Glied in der Kette der Generationen zu sein, und mit Dankbarkeit, zu bemerken, welchen Belastungen frühere Glieder, gewisse Vorväter und -mütter ausgehalten haben, um ihr Leben zu meistern und Nachkommen Zukunft zu schenken. Denn ein seinerzeitiges Abreißen der Kette hätte seine eigene Existenz heute gefährdet bis unmöglich gemacht.
Das Staunen über die Leistung, dass die Reihe der Generationen nicht unterbrochen wurde, führt schnell zu kontrafaktischen Denkspielen: Was wäre gewesen, wenn Väter nicht aus dem Krieg zurückgekehrt wären oder Mütter die Familien gegen alle Widrigkeiten nicht zusammengehalten hätten. Sich mit diesen spekulativen Argumenten zu beschäftigen, heißt nicht, gegen die Regeln der Heimatforschung zu verstoßen, sondern weckt Aufmerksamkeit und wirft überraschende neue Fragen an sein Forschungsmaterial auf.
Eine nächste Schlussfolgerung aus diesem Ketten- oder Schulter-Denken ist die Motivation, alles Ererbte wertzuschätzen und weiterzutragen. Wenn möglich, Materielles noch zu vermehren und verbessert zu hinterlassen. Selbstverständlich ist auch das komplette Gegenteil möglich, nämlich sich konträr zu stellen und die erkannten Familientraditionen als Verkettung oder Verzwergung zu bezeichnen. Es ist möglich, einen Strich zu ziehen und den Punkt zu finden, wo die Geschichten der Vorfahren enden und wo die eigene beginnt.
Ebenso wenig harmonisch, aber nicht weniger emotional, sind die Fragen, wie weit machten sich meine Vorfahren schuldig, wie aktiv waren sie Täter:innen, wie opportunistisch haben sie sich verhalten. Unter dieser kritischen Beobachtung stehen vor allem die Generationen im nationalsozialistischen Kontext und nur mit Abstrichen die im Ständestaat der 1930er Jahre. Durch das Abklopfen der Familiengeschichte auf anderslautende Positionen oder widersprüchliche Persönlichkeiten stabilisiert man seine eigene politische Haltung und wird einer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht.
So reicht die Bandbreite an Interpretationen von seiner willkommenen Einbettung in eine Generationenfolge und seiner affirmativen Eingliederung in eine jahrhundertlange Familiengeschichte über das Verlangen nach Heilung zerstörter Beziehungen und dem Wunsch nach einem Anknüpfen an abgerissene Verbindungsfäden bis zur kritischen Distanzierung und dem reflektierten Loslösen aus engen Traditionslinien und starren Familienmustern.
Auch historiographisch bestehen Zweifel an einer eindimensionalen Familiengeschichte: Ergibt die Summe an Biographien wirklich eine komplette Familiengeschichte? Gehören dazu nicht etwa auch die Darstellung sozialgeschichtlicher Dynamiken und des kulturgeschichtlichen Hintergrunds, kritischere Fragen nach Macht, Konflikten und Ungleichheit und ein Abwägen der materiellen Grundlagen und der als gegeben vorausgesetzten Traditionen. Und überhaupt: Wie weit können Familiengeschichten auch Gesellschaftsgeschichte vermitteln? Wie weit blendet der Fokus aufs Private größere politische und wirtschaftliche Entwicklungen aus? Aber bleiben wir beim Ergründen von Persönlichem, beim großen Vorteil der Heimatforschung!
Persönliche Herkunft
Unabhängig von der Größe des Verwandtschaftsnetzes, das man bei seinen ausgeworfen hat, um damit Familiengeschichten zu fangen und – auch das die Wirkung eines Netzes – um Biographien quer durch Raum und Zeit miteinander in Verbindung zu bringen, bleibt die drängende Frage der persönlichen Herkunft, die zum Kern einer Heimatforschung im 21. Jahrhundert wird.
„Der moderne Mensch hat ein Recht darauf, nicht nur die genaue Herkunft von Gütern und Waren, sondern auch diejenige seiner selbst zu erfahren. Nur solange es diese für ihn gibt, kann er sicher sein, nicht gewerbsmäßig aus der Retorte auf den Weltmarkt geworfen worden zu sein.“ Diesen Gedanken stellte der Historiker Franz Reitinger seinem Buch voran, in dem er Familiengeschichten von Menschen aus dem Dreiländereck des Oberen Mühlviertels, Böhmens und Bayerns recherchiert und daraus deren doppelbödige Grenzerfahrungen destilliert.
Heimatforschen bietet diese Chance der intensiven Beschäftigung mit „seiner“ Geschichte, mit seiner Heimat – wo und was auch immer das ist. Der vorhandene Wissensdrang wird kultiviert durch das methodische Vorgehen bei der Suche und führt zu produktiven Rekonstruktionen von persönlichen Entwicklungen und idealerweise zu deren Einordnung in den zeitgeschichtlichen Kontext. Die Suche nach Verbindungen zur Vergangenheit festigt damit die Position in der Gegenwart.
Die Dringlichkeit, sich aktiv auf das Feld der Heimatforschung zu begeben, spitzt Franz Reitinger mit einem weiteren Zitat zu: „Man muss sich die eigene Geschichte schon selber erarbeiten. Diese Aufgabe nimmt einem niemand ab.“ Ein Appell, der in seiner Konsequenz eine neue humanistische Lebensaufgabe definiert: Im 18. Jahrhundert bestimmte man als solche ein Haus zu bauen, Kinder zu bekommen und einen Baum zu pflanzen. Im 21. Jahrhundert gilt es zusätzlich, seine Herkunft zu bestimmen, um sich einzubetten in eine Heimat, die nicht mehr vorgegeben ist, nicht von vornherein vorhanden ist, sondern bloß geschaffen werden kann.
Geschichte parat zu haben und über Entwicklungen reflektiert Bescheid zu wissen, entfaltet erst die Individualität und ist ein anspruchsvoller Ansatz, um in einem zeitgenössischen Austausch Gemeinsamkeit zu finden. Denn Familiengeschichten verstanden als Kulturerbe sind anschlussfähig und kosmopolitisch teilbar. Um es in den Worten des Philosophen Gustav Landauer aus den 1910er Jahren zu sagen: „Die Vergangenheit ist nicht etwas Fertiges, sondern etwas Werdendes.“ Unsere Vergangenheit ist unser Weg und der führt uns ja auch in die Zukunft …
Familiengeschichten weitergeben und vermitteln
Familiengeschichten wollen geborgen werden, müssen also in einem Forschungsprozess recherchiert, rekonstruiert, gar dechiffriert werden, beanspruchen aber genauso, in Folge weitergegeben und vermittelt zu werden. Im Lehrgang erreichen die Forschenden den Punkt, die bestehende Tradition der mündlichen Überlieferung von Familiengeschichte in die historiographische Tradition der schriftlichen Darstellung zu transponieren. Damit werden die Forschungsergebnisse, sprich Familiengeschichten im Prinzip breiter verfügbar und allgemein teilbar. Dritte können Zugang finden und Verbindungen zu ihrer Vergangenheit herstellen. Bisher bloß im kommunikativen Gedächtnis Bewahrtes kann Teil des kollektiven Gedächtnisses werden.
Eine Familiengeschichte erschließt sich ja nicht nur den (Selbst-)Forschenden allein. Ihre Wirkung kann Kreise ziehen und erreicht auch Nicht-Verwandte. Jedes Jahr überzeugen die einschlägigen Abschlussarbeiten im Heimatforschungs-Lehrgang die erstlesenden Referenten durch ihre Vielfalt. Manchmal erstaunt die Mobilität der Vorfahren, dann wieder deren Sesshaftigkeit. Bei der einen Geschichte bewegt das Schicksal einer Familie, bei der anderen staunt man über Fügungen und Wendungen – auch wenn einem die Menschen völlig fremd und unbekannt sind. Denn Familiengeschichten erzählen von menschlichen Universalien, die für alle bedeutend und berührend sind: Beziehungen, Grundbedürfnisse, Gemeinschaft, Lebensprozesse. Emotionen. In der Vermittlung und Weitergabe bilden diese Elemente die kommunikative Brücke vom Erforschten zu den Menschen, die sich für die Ergebnisse interessieren. Das Geschehene, die dargestellte Geschichte, erhält dadurch Aufmerksamkeit und wird resonant.
Heimatforschung stellt Menschen also Geschichte zur Verfügung, indem sie Fakten bewahrt, Rechercheergebnisse zusammenfasst, historische Fragen beantwortet – und gleichzeitig indem sich die Forschenden idealerweise der Aufgabe stellen, in der Vermittlung genauso qualitätvoll und ambitioniert vorzugehen wie in ihrer Recherche.
Dass historisches Wissen und profund erforschtes Geschichtsmaterial in die Welt kommen, ist auch für die Landesgeschichtsforschung wohltuend bzw. für eine vielfältige Regionalgeschichte entscheidend. Es ist wichtig, dass der Output von Heimatforschenden in den Regionen und Gemeinden präsent ist. Familiengeschichten öffentlich zu wissen, heißt sie auch gegeneinander abgleichen zu können und sie nebeneinander wirken zu lassen. Keine Geschichte soll dominierend die anderen überdecken. Das Geschichtsbild von Orten und vom Land ist mehrdimensional. Verschiedene Standpunkte und unterschiedliche Blickwinkel sind erwünscht, Ambivalenzen erlaubt.
Familiengeschichte passt in das Schema der Regionalgeschichte und kann gleichzeitig Mikrogeschichte werden, sobald sie den Level einer Anekdotensammlung übersteigt. Heimatforschung bietet Geschichte von unten. Und mit dieser Bodenständigkeit kann man auch behaupten: Es ist wichtig, dass geforscht wird, dass Neues in der Vergangenheit gefunden wird und dass immer wieder aufs Neue Fragen gestellt und beantwortet werden. So bleibt Geschichte lebendig und ein lebendiger Bestandteil unserer Kultur. Und es ist gut, dass erzählt, verbreitet und vermittelt wird.
Familiengeschichten bewahren und weitergeben
Vergangenheit ist eine Ressource. Wie wir anhand der Präsentationen an unserem study visit erfahren konnten, gibt es immer Auslöser für die Beschäftigung mit seiner Familiengeschichte. Bei Christine Saari ist es das Bewahren der Erinnerungsstücke an ihren verstorbenen Vater und der damit verbundenen Recherche nach den Schicksalen ihrer Eltern- und Großelterngeneration im 20. Jahrhundert. Aus den Relikten und Reflexionen erschafft sie neue künstlerische Objekte. Franz X. Wimmer nützt den überraschenden Fund eines Tagebuchs eines Wanderburschen, um Zeitumstände eines ihm bis dato Unbekannten im Detail kennenzulernen, dessen Beweggründe und Ambitionen nachzuvollziehen und den historischen Kontext zu rekonstruieren. Es ist ein Auskosten der Vergangenheit und ein Aufbereiten für Dritte.
In allen persönlichen Quellen wie Briefe oder Tagebücher wollten Menschen etwas mitteilen. Wenn wir das Material heute veröffentlichen und herzeigen, dann wollen wir ein neues Publikum für sie finden. Als Heimatforscher werden wir dadurch zu Kulturvermittlern oder zu Agenten. Angelehnt an die Erzählhaltung „relata referro“ agieren wir zwischen den Zeiten und sind Akteure des Übergangs.
Private Erkundungen und individuelle Biographien können spielerisch Einfluss nehmen in der Öffentlichkeit, weil sie oft unerwartet und überraschend ankommen. Familiengeschichte ist prinzipiell Geschichte, die bewegt, aber abhängig von gesellschaftlich aktuellen Strömungen und dadurch nicht ganz kalkulierbar.
Idealerweise schaffen Heimatforschende Ergebnisse, die inhaltlich und in ihrer präsentablen Form überzeugen. Man muss ein gutes Werk schaffen! Man wird es schaffen, wenn man überzeugt ist, nach sorgfältiger Arbeit etwas mitteilen zu können. Seinen persönlichen Ausdruck zu finden, ist eine ebenso erfüllende Beschäftigung wie Spannendes zu recherchieren und Puzzleteile einer Familiengeschichte zusammenzufügen. Beschäftigt das Werk letztlich Dritte, ist es auf Interesse getroffen. Regt es Kolleg:innen an, dann hat es seine Wirkung entfaltet. Der Erfolg in der Heimatforschung wird kaum ein ökonomischer sein. Familiengeschichte Schreibende erleben die Erfolge auf ihrem Forschungsweg. Man tut, was man tun muss. Künstlerisch gesagt: Man ist dem edlen Spiel verpflichtet!
Siegfried Kristöfl, 2026
study visits • vor Ort am Punkt
Unter dem Schlagwort „study visits“ macht sich die ARGE Regional- und Heimatforschung auf in die Regionen, um hier Kontakte zu lokalen Akteur:innen zu knüpfen, Themen aufzugreifen und zu diskutieren.