Alltag und Arbeit

Alltag und Arbeit in den mittelalterlichen Städten Oberösterreichs


Stadt und Umland
Eine der Grundbedingungen für das Entstehen von Städten war die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land: Bauern produzierten Überschüsse in der Landwirtschaft und verkauften diese in der Stadt; städtische Handwerker stellten Gerätschaften her, die wiederum auch im bäuerlichen Lebensalltag benötigt wurden. Händler versorgten Stadt und Land mit Produkten wie Tuche oder Wein, die zum Teil weit entfernt hergestellt worden waren.
Wichtigstes Merkmal städtischer Wirtschaft war daher der Markt, auf dem Produkte aus der Stadt, der unmittelbaren Umgebung und aus dem Fernhandel angeboten wurden. Im Umkreis der Stadt durfte niemand Handel oder Gewerbe treiben, ja nicht einmal Wein und Bier ausschenken. Fremden Händlern war es nur erlaubt, ihre Waren bei den Bürgern in der Stadt zu verkaufen, welche damit den Zwischenhandel kontrollierten. So gab es auch in Linz zwei große Jahrmärkte, die zu Ostern und am Festtag des Heiligen Bartholomäus (24. August) stattfanden. Dazu kamen Fernhändler aus Deutschland, Holland und Böhmen nach Linz, um hier beispielsweise ihre Tuche anzubieten.

Die lebensnotwendigen Produkte bezogen die Bürger aus der Umgebung. Bauern brachten Fleisch, Käse, Butter und andere Waren in die Stadt, Müller brachten Mehl, um es am Wochenmarkt zu verkaufen. Ursprünglich fand dieser nur an einem Tag der Woche – etwa in Linz am Dienstag – statt, doch erhielten z. B. die Linzer Bürger 1395 das Recht, auch an einem zweiten Tag der Woche einen Wochenmarkt abhalten zu dürfen. Daneben gab es vermutlich schon im Mittelalter auch spezielle Märkte für Fleisch, Getreide und andere saisonbedingte Produkte.

Die Handelsrouten des Mittelalters folgten zumeist den Flüssen. Besonders das Salz aus dem oberösterreichischen Salzkammergut gelangte über die Traun bis nach Wels, Linz und Enns und von dort die Donau abwärts, ebenso das Salz aus Hallein über die Flüsse Salzach, Inn und Donau. Eisen vom steirischen Erzberg wurde die Enns abwärts verschifft; durch sein Niederlagsrecht (1287) erreichte Steyr eine unumstrittene Dominanz als Umschlagplatz für Eisen. Ein ähnliches Niederlagsrecht sicherte 1277 den Aufstieg von Freistadt.

Auch die Lage an wichtigen Handelsstraßen brachte für die Städte entscheidende Vorteile: Durch den Straßenzwang durften Händler keine anderen Wege als diese benützen und konnten daher Mautstellen nicht umgehen.

Berufsgruppen in der mittelalterlichen Stadt
Die zwei maßgeblichen Berufsgruppen in den mittelalterlichen Städten waren die Kaufleute und die Handwerker. Während die Kaufleute in der Regel ein Haus besaßen und damit den städtischen Oberschichten angehörten, gab es unter den Handwerkern größere Rangunterschiede. Der Meister war der Inhaber eines Betriebes und damit auch eines Hauses, sodass er als Vollbürger galt. Die Gesellen hingegen wohnten in der Regel im Haus des Meisters oder mieteten sich als Inwohner bei anderen Bürgern ein. In vielen Handwerkszweigen durften die Gesellen nicht heiraten, was in der geringen Entlohnung begründet lag, welche für die Erhaltung einer Familie meist zu niedrig ausfiel. Im Normalfall konnte ein Handwerksgeselle erst zum Meister aufsteigen, wenn ein Meister starb. Häufig vollzog sich die Nachfolge dadurch, dass der Geselle die Witwe des Meisters ehelichte. Frauenarbeit war in den Handwerksbetrieben keine Seltenheit; die Meistersgattin half in der Regel im Betrieb mit und versorgte zudem alle im Betrieb arbeitenden Gesellen mit Mahlzeiten.

Neben diesen so genannten ehrenhaften Berufen lebten in der Stadt aber noch zahlreiche weitere Menschen, die sich als Tagelöhner ihren Lebensunterhalt verdienten. Zu den „unehrenhaften“ Berufen wiederum gehörten in der mittelalterlichen Stadt beispielsweise Abdecker (Ratzenklauber), die für die Beseitigung von Tierkadavern zuständig waren, Henker, Lumpensammler oder Prostituierte, aber auch das Betteln wurde als Gewerbe im eigentlichen Sinn gesehen.

Trink- und Nutzwasserversorgung
Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser stellte eine der wichtigsten Herausforderungen für die städtischen Gemeinschaften dar. Im Mittelalter ging man - im Gegensatz zur Römerzeit - in erster Linie daran, das Grundwasser zu nutzen und zu diesem mit Brunnenanlagen zu gelangen. Das Wasser wurde entweder über ein Haspelwerk mit Kübeln aus Tiefbrunnen emporgezogen oder floss direkt aus Hochbrunnen, die zumeist von Quellen gespeist wurden. Die Brunnenschächte selbst waren häufig mit Hartholz ausgekleidet.

Zudem wurde Wasser von Quellen in der Umgebung durch Holzrohre in die Stadt geleitet. Man bohrte diese so genannten Deicheln mit einem speziellen Bohrer an und verband die ausgehöhlten Holzrohre mit geraden oder gekrümmten Verbindungsstücken, die zumeist aus Metall gefertigt waren. Die Holzrohre wurden für den Schadensfall vorab hergestellt und unter Wasser gelagert.

Die Reinhaltung der Brunnen war eines der wichtigsten Anliegen überhaupt. War ein städtischer Brunnen einmal verschmutzt, so drohten Seuchen, die große Teile der Bevölkerung erkranken oder gar sterben ließ; auch die Pest wurde häufig auf vergiftete bzw. verseuchte Brunnen zurückgeführt. Besonders in Krisenzeiten wurde die Schuld für vergiftete Brunnen vielerorts den Juden gegeben, die sich damit an der christlichen Bevölkerungsmehrheit „rächen“ würden. Der Vorwurf der Brunnenvergiftung ist zwar in erster Linie ein antijüdisches Stereotyp, wurde aber mitunter auch auf andere Randgruppen der städtischen Gesellschaft ausgedehnt. In zahlreichen Fällen kam es aufgrund dieser Verdächtigungen zu schweren Pogromen, denen zahlreiche Juden zum Opfer fielen. Dass der Vorwurf allerdings jeder konkreten Basis entbehrte, wurde schon von kritischen zeitgenössischen Autoren vermutet.

Wasser wurde in einem besonderen Maße auch für die Bekämpfung von Bränden benötigt, die wohl größte Gefahr für mittelalterliche und frühneuzeitliche Städte, da ein großer Anteil der Häuser entweder zur Gänze aus Holz gebaut war oder zumindest Holzdächer aufwies. Zudem befanden sich in allen Häusern Kochstellen mit offenem Feuer und auch die Beleuchtung bestand zumeist aus Fackeln und Kerzen. Gerade bei Windstößen konnte sich so das Feuer rasch auf das ganze Haus und auch auf die Nachbarschaft ausdehnen.

Hygiene und Müllentsorgung
Der Unrat in den Straßen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städte war eines der Hauptprobleme. In den Quellen zu den Städten Oberösterreichs sind zwar hygienische Fragen nur am Rande erwähnt, doch lassen sich Nachrichten aus den großen süddeutschen Städten über hygienische Probleme sowie Verordnungen über die Bewältigung derselben mit einiger Vorsicht auch auf Oberösterreich übertragen.
Eine Abbildung aus dem Hausbuch der Mendelschen Zwölfbruderstiftung aus dem Jahr 1425 zeigt einen Straßenkehrer, der seine Tätigkeit auf hohen Absätzen verrichtet, um nicht im Morast zu versinken, nicht zuletzt, da nur wenige Straßen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gepflastert waren.
In den wenigsten Häusern gab es Toiletten, die direkt mit einer Wasserableitung verbunden waren. Manche Häuser wiesen einen so genannten Abtritt auf, was am ehesten mit einem „Plumpsklo“ gleichzusetzen ist. Der Großteil der Bevölkerung entledigte sich seiner Bedürfnisse allerdings in Hauswinkeln, etwa in den Ehgräben (Reichen). Darunter versteht man die vielerorts vorgeschriebenen Zwischenräume zwischen zwei Häusern, die auch dem Übergreifen von Bränden auf das Nachbarhaus entgegenwirken sollten.

Die Entsorgung von Müll war in vielen Fällen zwar Privatsache, doch gab es dafür klare Regelungen. Die Reinigung der Kloaken wurde entweder selbst oder von so genannten Scheißhausfegern durchgeführt. Im 14. und 15. Jahrhundert versuchten zahlreiche Städte mit Verordnungen die Verschmutzung der Straßen und der Gewässer einzudämmen.

Besondere hygienische Probleme bereitete schließlich die (Nicht-)Beseitigung von Tierkadavern, die vielerorts von einem eigenen Berufsstand, den Abdeckern, abtransportiert wurden. Auch lebende Tiere, vor allem Schweine, die in vielen Städten frei auf den Straßen herumliefen, stellten ein schwerwiegendes hygienisches Problem dar. Manche dieser Schweine fielen auch Menschen an, besonders kleine Kinder, und mitunter kam es dadurch sogar zu Todesfällen.

Die Versorgung von Kranken und Alten
Die Versorgung alter und kranker Menschen erfolgte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in Hospitälern (Spitälern), die es in jeder Stadt gab und die von der Bürgerschaft durch Stiftungen erhalten wurden. Träger der Hospitäler waren in der Regel Mönche und Nonnen. Das Bürgerspital von Steyr (heute Michaelerplatz 2) wurde schon um 1170, angeblich von den Johannitern - einem Ritterorden – gegründet. Es wurde besonders am Beginn des 14. Jahrhunderts durch eine Stiftung von Elisabeth von Görz-Tirol – der Gattin Herzog und König Albrechts I. von Habsburg – unterstützt, deren Reichtümer aus dem Salzhandel im Salzkammergut stammten. Das Haus am Michaelerplatz ist eines der ältesten Gebäude Steyrs. Das Linzer Bürgerspital befand sich beim heutigen Winkler-Haus (Landstraße 15) und wurde um die Wende vom 13. auf das 14. Jahrhundert ebenfalls durch Elisabeth von Görz-Tirol mit Zuwendungen ausgestattet. Das Welser Bürgerspital wurde 1324 gegründet und stand auch unter der Verwaltung der Bürgerschaft.

Zuwendungen an die „Bürgerspitäler“ der Städte waren aus christlicher Sicht ein „Werk der Barmherzigkeit“ und damit die Pflicht eines jeden Gläubigen. Die Bürgerspitäler erhielten auf diese Weise wirtschaftlich nutzbare Güter – etwa Felder oder Weingärten – geschenkt, aber auch die Einkünfte aus Bürgerhäusern und regelmäßige Zuwendungen in Geld. Man konnte sich auch als so genannter Pfründner in ein Hospital einkaufen und sich so seine Altersversorgung vorab sichern.

Eine Sonderform der Hospitäler waren die Leprosenhäuser, in denen außerhalb der Stadt Leprakranke und Personen mit anderen ansteckenden Krankheiten versorgt wurden. In Linz beispielsweise lag das seit dem 13. Jahrhundert nachweisbare Siechenhaus an der oberen Kapuzinerstraße und nahm unter anderem an Lepra erkrankte Teilnehmer der Kreuzzüge auf. Auch verarmte Menschen fanden in den Hospitälern eine Bleibe, sofern nicht eine Zunft sich für sie verantwortlich zeigte. Ebenso wurden Pilger zur Übernachtung und Verköstigung in den Hospitälern aufgenommen.

Autor: Christian Rohr, 2009