Im Kontext: Heimatforschung - Interview mit Thomas Arzt

am 12.07.2024
 von Siegfried Kristöfl - Thomas Arzt
„Ich finde es wichtig, Dinge zu benennen. In den historischen Kontext zu setzen. Nicht zu vergessen. Nicht zu verleugnen. Nicht zu „canceln“. Und nicht kommentarlos „abzureißen“. Erbe im Sinne von gesellschaftlicher Verantwortung ist die Wachheit gegenüber dem Historischen, durch das die Gegenwart erst lesbar und begreifbar (also handhabbar) wird.“ - Thomas Arzt, Schriftsteller

Das Theaterstück „Das unschuldige Werk“ von Thomas Arzt, das sich mit der Biographie Franz Stelzhamers auseinandersetzt, inspirierte Siegfrid Kristöfl zu einem Interview mit dem Autor. Viele seiner Werke weisen eine historisch-politische Komponente auf, so erzählt u.a. sein Roman „Die Gegenstimme“ von Anpassung und Widerstand zur Zeit des „Anschlusses“ Österreichs an Nazideutschland im Jahr 1938. Zur Heimatforschung gibt es viele Berührungspunkte – im Interview wird diesen nachgespürt.
 

Siegfried Kristöfl: Nicht alle Heimatforscher:innen können einen literarischen Text schreiben, aber beherrschen alle Literat:innen, die sich mit lokalhistorischen Themen beschäftigen, das Handwerk der Heimatforschung?

Thomas Arzt: Jedes Schreiben ist für mich eine Art Recherche an der Welt. Wo die „Welt“ allerdings „eine Heimat“ sein könnte und was „Recherche“ zu „Forschung“ macht, sind sehr spezifische Fragen. Ich kann als Schriftsteller nur sagen: Ich habe neben einer literarischen immer auch eine große historiografische Lust. Das kommt zum einen daher, dass ich schon als Kind hellhörig wurde, wenn jemand „alte G’schicht’ln“ von sich gab. Und zum anderen von einigen Seminaren während meines Theaterwissenschaftsstudiums, in die ich eher zufällig stolperte und in denen ich mich mit Archivarbeit auseinandersetzten konnte. Diese beiden Impulse – mündlich tradierte sowie wissenschaftlich archivierte Narrative – waren für mein Schreiben bislang sehr ergiebig und wichtig. Ich versuche Themen immer auch historisch zu lesen – oft im Zusammenprall von Mythos und Zeitdokument.
 

Siegfried Kristöfl: Ist Ihr Rechercheprozess ein systematischer, nüchterner, aufwendiger, notwendiger oder ein inspirierender, beflügelnder?

Thomas Arzt: Beides. Ich gehe meist impulsiv und mit einer Art Intuition an die Sache rein. Stelle dann demütig fest, dass ich viel zu wenig weiß. Mache mir aus der Distanz einen Rechercheplan. Und versuche dann systematisch bestimmte Themenfelder „durchzuackern“. In der Detailrecherche verliere ich mich immer wieder – weil ich mich in Nebenschauplätze verliebe, weil ganz andere Geschichten auftauchen, denen ich fasziniert auf Abwegen folge. Bis ich dann erkennen muss, dass ich ja einen literarischen Text zu schreiben habe. Ab diesem Moment beginne ich mich von dem Material zu lösen – nur das Wenigste findet am Ende einen Platz im Text (das war jedenfalls bislang so, bei meinen Theaterstücken und bei meinem Roman). Aber ich behalte möglichst viel in meinen digitalen und analogen Back-Ups. Was zu Platzproblemen führt. Ich bin schlecht im Wegwerfen und Entsorgen.
 

Siegfried Kristöfl: Ab wann verlässt – gefühlt – der Literat die Rechercheebene? Gibt es da eine Brücke, einen Spalt, oder nur eine Grauzone oder ist das ein anderes Element (nimmt man Anlauf und dann jump and fly …)?

Thomas Arzt: Wenn mich das Material gefühlt „erschlägt“, ist es für mich Zeit, die „Rolle“ zu wechseln. Dann wird aus der möglichst differenzierten Recherche ein literarisches „Verdichten der Differenzen“. Und dieser Vorgang kennt andere Regeln. Das ist das Schöne, auch das Unverschämte an Kunst. Es darf Lücken geben. Es darf Brüche geben. Anders: Es wird erst spannend, wenn das Bruchstückhafte und Lückenhafte fühlbar wird. Wenn in den Texten z.B. das Fiktionale mit dem Faktischen kollidiert. Wenn in den Zwischenräumen des „Nicht-Wissens“ (es ist ja meistens so, dass nie alles eindeutig ist und dass Narrationen viele Perspektiven offenhalten) eine künstlerische Haltung zur Geschichte entwickelt werden kann. Jedenfalls ist mir das wichtig. Allerdings: Ich versuche historische Gewissheiten nicht zu „verfälschen“ oder zu „relativieren“, sondern Geschichte zu „schärfen“ und „wachzurütteln“ – für das Heute hörbar zu machen.
 

Siegfried Kristöfl: Wie weit fühlten Sie sich als Heimatforscher, als Sie über Ihre Familie und über Schlierbach schrieben? Wie weit fühlen Sie sich als Kulturvermittler, wenn Sie historische Themen darstellen? Spüren Sie von diesen Seelen etwas in sich oder sehen Sie sich als Literat, der bevorzugt mit historischen Stoffen arbeitet, weil es so viel überschüssiges Material gibt (so etwa wie Plastik und man kann es recyceln …)?

Thomas Arzt: Weder noch. Ich schreibe aus einem persönlichen Drang heraus. Das ist das erste. Etwas hält mich wach. Etwas treibt mich um. Dann beginne ich. Und irgendwann stelle ich mir die Frage: Hat das auch Relevanz über meine eigene, immer sehr begrenzte Perspektive hinaus. Wenn ich diese Frage mit einer Ahnung von einem „Ja“ beantworten kann, schreibe bzw. arbeite ich weiter und habe „ein Stück“ vor mir, oder „ein Buch“, das ich veröffentlichen möchte. Dass darin womöglich Geschichte verhandelt wird, Lokalgeschichte, Familiengeschichte, etc. ist nicht die treibende Kraft. Bei meinem Roman „Die Gegenstimme“ habe ich mich z.B. einfach nur gefragt: Warum hat der Karl gegen Hitler gestimmt? Das wollte ich zuerst mal ganz persönlich wissen (weil das in der Familie eine „Wissenslücke“ war). Und danach ist (durch die Recherche) die Frage gewachsen: Aus welchen erdenklichen und undenkbaren Gründen haben denn die anderen 1.153 Wahlberechtigten in diesem Dorf 1938 für Hitler gestimmt? Und wer war die eine ungültige Stimme? Ob Heimatforschung oder Kulturvermittlung oder einfach nur „ein guter Stoff“, war in diesem Moment irrelevant. Da ging es mir um eine Geschichte, die mir plötzlich, weil wieder mal Wahlkampf war, als ich das schrieb, verblüffend heutig erschien. Aber es gab dann einen anderen Moment, als Teile des Romans szenisch präsentiert wurden, und zwar in Schlierbach, wo ich aufgewachsen bin, wo mein Elternhaus steht und wo sich die reale Geschichte rund um den Karl, den Bruder meiner Großmutter, 1938 abgespielt hatte. Ich merkte plötzlich, im vollbesetzten Theatersaal, ja, ich erzähle jetzt einen Teil der Gemeindegeschichte, einen Teil, der „keine leichte Kost ist“, der zwar in der Dorfchronik dokumentiert ist, aber nun, auf der Dorfbühne, unmittelbar hörbar wurde. Ich hatte kurz Sorge, dass einige nun „über mich herfallen könnten“, weil ich Kritik übe. Stattdessen waren die Leute aber sehr froh, dass „darüber nun geredet wird“. Obwohl ich dachte, die Zeit des Nationalsozialismus wäre mittlerweile emotionsfrei zu diskutieren. Es gab aber viele, sehr positive Emotionen. Also war das vielleicht doch was Vermittelndes, was der Text ausgelöst hat. Das Buch regt auch immer wieder Leute an, mir zu schreiben, dass sie durch die Lektüre ermutigt wurden, ihre eigene Familiengeschichte zu recherchieren und dokumentieren. Damit sie nicht vergessen wird.
 

Siegfried Kristöfl: Der Standard bezeichnete Sie unlängst als der „österreichische Aufarbeitungsdramatiker par exellence“. D.h. Sie können Geschichte, Sie können Debatten, Sie können Mentalität, Sie können Interpretation … Was brauchen Sie von der Heimatforschung? Was erwarten Sie sich von einer Heimatforschung?

Thomas Arzt: Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Eigentlich habe ich nur Erwartungen an mich selbst. Dass ich hartnäckig genug bleibe, differenziert auf die Welt schaue, klar Position beziehen kann, und nicht korrumpierbar werde. Damit habe ich schon genug zu tun. Danach freue ich mich über alle, die sich Zeit nehmen, mit mir über das eine oder andere Buchprojekt oder Theaterprojekt in Austausch zu treten. Nicht mehr. Nicht weniger.
 

Siegfried Kristöfl: Wie nehmen Sie Heimatforscher wahr – im Vergleich mit akademisch gebildeten Historikern?

Thomas Arzt: Ich höre mir gerne viele verschiedene Seiten und Lesarten einer historischen Begebenheit oder Biografie an. Mündliche Erzählungen sind ebenso relevant wie aufbewahrte Dokumente. Die Frage, wer spricht, wer sagt was, ist natürlich essenziell. Ich habe, glaube ich, ein gutes Gefühl dafür entwickelt, Perspektiven gut einzuordnen. Ich wiege das nicht ab. Ich höre genau hin und nehme alles ernst, was mir gesagt wird. Da ist lokale, vielleicht kleinteilige und sehr spezifische Forschung vor Ort für mich auf Augenhöhe mit breit publizierter Zeitgeschichte. Ich brauche aber beides. Ich suche nach einem möglichst vielschichtigen, differenzierten Bild von Geschichte – und beziehe hernach literarisch Stellung.
 

Siegfried Kristöfl: Wie frei gingen Sie durch die „Stelzhamer-Rezeptions- bzw. Geschichtswelt“? Spürten Sie eine Verpflichtung mit Institutionen oder Experten in einen Austausch zu kommen, um sich Ihrer Sache sicher zu sein?

Thomas Arzt: Ich habe stets das Gefühl, der Geschichte nie ganz genügen zu können. Dieser Grundzweifel ist auch Antrieb. Damit ich es mir mit einem Stoff nicht „zu leicht“ mache. Eine erste Idee ist schnell da. Sie verpasst aber meist die Tiefe, die Widersprüchlichkeit, die Ambivalenz eines Themas. Beim „Unschuldigen Werk“, das ja Franz Stelzhamers Biografie aus der Sicht mehrerer Frauen erzählt, die historisch bislang nur Randnotiz waren, wollte ich mich von dem Schwarz-Weiß-Bild (Heimat-Verklärer vs. Dialekt-Avantgardist, Rassist/Antisemit/reaktionärer Nationalist vs. unpolitischer „Liedermacher“) lösen. Nicht, weil ich nicht „anecken“ wollte, sondern weil beide Perspektiven zu kurz greifen. Und den Franz Stelzhamer wohl auch „zu wichtig“ machen. Das war für mich ein Schriftsteller, der nach Aufmerksamkeit gierte, und dafür auch zu politisch extremen Ansichten und Aussagen neigte. Ein Spiegel für heute, in der die Extremen die politische Mitte längst gespalten haben. Da bei Stelzhamers Biografie sehr viel Mythos ist, war es mir wichtig, den historischen Kontext deutlich zu machen. Durch Literaturrecherche zu Biedermeier, Vormärz, Restauration, die Bedeutung des Judentums in der Monarchie, das Aufkommen der studentisch-völkischen Burschenschaften, die beginnenden sozialen Verwerfungen durch die Industrialisierung, das Kriegsgeschehen im 19. Jahrhundert etc… Dadurch haben sich die „Luftschlösser“ rund um das „Leben des Franzl“ geerdet. Und daneben habe ich versucht, Frauenbiografien aus der Zeit auszugraben, politische Reden der frühen Frauenbewegung, und die raren biografischen Fährten zu verfolgen, zu den Frauen im Leben von Stelzhamer. Zentral wurde der Briefwechsel zwischen Franz und Betty Stelzhamer, herausgegeben von Silvia Bengesser, mit der ich ein ausführliches Gespräch führte. Auch mit Ludwig Laher habe ich gesprochen, der ja für mich eine der versiertesten und klarsten Positionen formuliert, was Stelzhamers Antisemitismus und die reaktionär-völkische Rezeption seines Werks betrifft. Ich muss aber eingestehen, dass ich gerne mehr recherchiert hätte – mehr noch in den Original-Manuskripten. Ich habe vor allem das ausgehoben, was digital verfügbar ist. Im Stück ist dann, denke ich, sprachlich sehr klar, wo Stelzhamer verstummt und ich als Autor den Figuren ihre (mitunter unverschämt erfundene) Stimme gebe.
 

Siegfried Kristöfl: Wie reagierte der „Verband“ auf „Das unschuldige Werk“? Wie schwierig war es, dieses (letzte) „Bild“ zu schreiben?

Thomas Arzt: Bisher gab es meines Wissens keine Reaktion vom Stelzhamer-Bund. Ich finde das letzte Bild, in seiner Abstraktheit, auch nicht sonderlich provokant. Es tritt ein namentlich nicht näher verifizierter „Magister“ auf, mit völkisch-patriotischen Ansichten, der Stelzhamers Texte neu sortieren möchte und eine bestimmte Lesart anstrebt. Historisch ist das alles sehr deutlich nachweisbar. Und es singt ein Männerchor ein von mir erfundenes Heimatlied im Dialekt, das ganz klar nicht von Stelzhamer stammt, aber das dem Duktus nach sehr „Franzl-haft“ ist. Ich arbeite da mit Ähnlichkeiten und Assoziationen, die, denke ich, sehr nachvollziehbar und gut argumentierbar sind. Schwierig im Sinne von, „es ging mir schwer von der Hand“ war das nicht. Alle Szenen in dem Stück haben mir literarisch große Lust bereitet. Allerdings war es nicht einfach, den finalen „Ton“ zu treffen. Mit welchem Gefühl soll das Publikum entlassen werden? Es ist nun ein süffisant-böser, denke ich. Das war in einer Vor-Fassung mal düsterer und gewalttätiger. Aber das ist immer schwer für mich – das Ende-Ende zu finden.
 

Siegfried Kristöfl: Was ist Kulturerbe (diese Frage begleitet uns in der ARGE)?  Was an Stelzhamer und seinem Werk würden Sie als solches deuten und bezeichnen?

Thomas Arzt: Ich finde es wichtig, Dinge zu benennen. In den historischen Kontext zu setzen. Nicht zu vergessen. Nicht zu verleugnen. Nicht zu „canceln“. Und nicht kommentarlos „abzureißen“. Erbe im Sinne von gesellschaftlicher Verantwortung ist die Wachheit gegenüber dem Historischen, durch das die Gegenwart erst lesbar und begreifbar (also handhabbar) wird. Bei Stelzhamer ist das das Zusammenwirken von Kunst und Politik in einer spezifischen Epoche, das Aufkommen von politischem Rassismus und Antisemitismus in der Sprache und das Abstecken des Begriffes dessen, was „Heimat“ ist. Das ist ja ein gemachter Begriff. Wer will was, wann und womit durch Sprache erreichen? Stelzhamer schrieb den radikal menschenverachtenden Text „Jude“, weil er einem radikal völkischen Politiker gefallen wollte, da er erhoffte, dadurch „radikal“ gefördert zu werden… Da geht es um systemische Fragen von Literatur/Markt/Politik/Religion/Extremismus… Das alles lässt sich an dem Topos „Wer war nochmal dieser Franz S.?“ ablesen, speziell für Oberösterreich. Und ja. Es geht ums Lernen durch das Nicht-Vergessen. Ich bin immer noch der Meinung: Lernen wir ein bisserl Geschichte.


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THOMAS ARZT, geboren 1983 in Schlierbach, Oberösterreich. Studierte Drehbuch in München und Theaterwissenschaft in Wien. Jobbte als Sozialarbeiter und Sprachlehrer. Schrieb erste szenische Texte für und mit Kindern und Jugendlichen. Entwarf 2008 sein erstes Theaterstück «Grillenparz» im Rahmen des Schreibprogramms «stück/für/stück» am Schauspielhaus Wien. 2011 wurde das viel beachtete Debüt dort uraufgeführt. Seither entstanden zahlreiche Arbeiten für Theater im deutschsprachigen Raum. Seine Stücke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und auf Festivals in New York, Buenos Aires und Kiew gezeigt. Daneben verfasste er Hörspiele und politische Essays, u.a. im Kollektiv «Nazis & Goldmund». 2021 erschien sein erster Roman «Die Gegenstimme» im Residenz Verlag. Thomas Arzt lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Wien.

Quelle: https://www.thomasarzt.at