Eine einzigartige historische Quelle, die einen Einblick in die soziale, politische und religiöse Verhältnisse in der Provinz Noricum zur Zeit des römischen Niederganges in der Spätantike liefert, ist die Vita Sancti Severini, die Lebensbeschreibung des Heiligen Severin, die Eugippius, ein Schüler Severins einige Jahrzehnte nach seinem Tod verfasste.
Hunger und Not in Noricum
Das ausgehende 5. Jahrhundert in der Grenzprovinz Noricum war geprägt von Angst, kriegerischen Auseinandersetzungen mit germanischen Gruppen, Hunger, Plünderungen, Überfällen und chaotischen Zuständen. Da die militärischen Truppen Ufernoricum bereits verlassen hatten, hatte sich die Bevölkerung zum Schutze vor feindlichen Angriffen in die ehemaligen Legionslager der römischen Soldaten zurückgezogen, aus denen befestigte Siedlungen wurden, die mit umliegend angelegten Getreide- und Obstkulturen versorgt wurden.
Severin von Noricum …
Severin, über dessen Herkunft keine gesicherten Quellen existieren, kam vermutlich bereits als älterer, vornehmen Kreisen entstammender Herr in das pannonisch-norische Grenzgebiet. Aufgrund seiner Sprache und seinen italienischen Kontakten wird vermutet, dass er aus Italien stammen könnte. Seine Ankunft fällt in eine Zeit, wo die römische Herrschaft bereits im Zerfall begriffen war. Das Fehlen jeglicher staatlichen Autorität machte eine Koordination und Verwaltung des Landes besonders schwierig.
… Mönch …
Severin scheint in dieser chaotischen Zeit eine zentrale Integrationsfigur gewesen zu sein, die sich um die notleidende Bevölkerung kümmerte und versuchte, durch die Errichtung von Klöstern (Favianis, Boiotro) den Menschen Halt und Zuversicht zu vermitteln. Er bemühte sich um die Verbreitung der christlichen Glaubenslehre und vermittelte der Bevölkerung, dass durch Beten, Fasten und gute Werke mit der Hilfe Gottes das drohende Unheil abgewendet werden könnte. Sein Leben kann als Beispiel für den Übergang der Verwaltung in kirchliche Organe gesehen werden, der gegen Ende der Römerherrschaft zunehmend an Bedeutung gewann.
… und Staatsmann
Neben seiner Tätigkeit als Mönch war Severin auch Staatsmann (Rudolf Zinnhobler): Seine politischen Aktivitäten sind besonders an seinem Verhandlungsgeschick festzumachen. Scheinbar genoss Severin sogar hohes Ansehen bei den Germanen, weshalb es ihm beispielsweise gelang, römische Kriegsgefangene von den Alamannen frei kaufen. Immer wieder versuchte er zwischen germanisch-römischen Konflikten zu vermitteln.
Als die Situation für die Bevölkerung nicht mehr haltbar war, organisierte Severin den Abzug der Bevölkerung nach Lauriacum und schließlich Favianis. In Lauriacum baute er eine Art Flüchtlingslager auf. Obwohl italienische Transporte von Kaufleuten nur mehr unter großen Umständen möglich waren, gelang es ihm, die Menschen in Lorch mit Olivenöl aus Italien zu versorgen. Immer wieder organisierte er Hilfslieferungen und die Verteilung von Kleidung und Lebensmitteln an die Bevölkerung. Die Einführung von Zehent, den er zur Versorgung der der Armen verwendete, brachte ihm auch viel Missgunst ein.
Das Wirken Severins
Geographisch lässt sich das Wirken Severins entlang der Donau von Tulln (Comagenis) bis nach Bayern (Quintanis-Künzing) und die Salzach entlang bis Cucullis (Kuchl) nachzeichnen. Sein zentraler Aufenthaltsort dürfte Favianis (wahrscheinlich Mautern in Niederösterreich) gewesen sein, wo er selbst ein Kloster gegründet hatte.
Da die ehemalige Hauptstadt Ufernoricums, Ovilavis, in der vita sancti severini keine Erwähnung findet, wird angenommen, dass dieses schon weitgehend zerstört und verlassen war.
Rudolf Zinnhobler greift in seinem Beitrag über den Heiligen Severin im Katalog der Landesausstellung 1982 einige Ereignisse aus der Vita heraus, die Bezug auf das heutige Oberösterreich nehmen (S. 15). In „Ioviaco“ (Schlögen oder Aschach an der Donau) handelt Kapitel 24 der Lebensbeschreibung Severins:
„Es schildert ein dramatisches Ereignis und führt uns mitten hinein in jenen […] etappenweisen Abzug der Romanen vom Westen in den Osten, der durch den Einfall germanischer Stämme bedingt war. Wir erleben Severin als den „Seher“, der bevorstehende Überfälle voraussagt, was in nüchterner Alltagssprache wohl nur sagt, dass er über ein gut ausgebautes Nachrichtennetz verfügt hat. Im konkreten Fall warnt der Heilige die Bewohner von Ioviaco, „einer Stadt mehr als zwanzig Meilen von Batavis entfernt“, vor dem herandringenden Feind und erteilt den Übersiedlungsauftrag. Zwei Boten schickt Severin ab, den Kantor (Kirchensänger) Moderatus, dem man keinen Glauben schenkt, sodann einen Bewohner aus Quintanis, der offenbar selbst ein Betroffener war, seine Heimat bereits aufgegeben hatte und bei Severin in Favianis weilte. Zumindest der in Ioviaco stationierte Presbyter Maximianus sollte zum Abzug bewogen werden. Die Sendboten des Heiligen richteten aber nichts aus. Ioviaco wurde verwüstet, seine Bewohner gefangengenommen und Maximian erhängt.“ (Zinnhobler, S. 15.)
Severins Tod
Severin von Noricum starb am 8. Jänner 482 im Kloster Favianis (Mautern an der Donau). Als 488 auf Odoakers Anordnung hin die gesamte römische (lateinischsprechende) Bevölkerung Ufernoricum verließ, wurde Severins Leichnam von seinen Anhängern – entsprechend seiner Bitte – mit nach Italien genommen und in Lucullanum bei Neapel, wo auch ein St.-Severin-Gedächtniskloster entstand, beigesetzt.
Aus Noricum wurde zwar der Großteil der römischen Bevölkerung ausgesiedelt, es ist aber bekannt, dass in bestimmten Gebieten, wie etwa dem Salzkammergut noch längere Zeit lateinisch sprechende Siedlungen erhalten geblieben waren. (vgl. Weber, S. 25)
Der Beitrag wurde auf Basis der in der Literaturliste angegebenen Publikationen verfasst.
Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2006