Heimatforschung als Familientradition
Heimat- und Regionalforschung kann zur Familientradition werden – das zeigt das Beispiel von Familie Keller vom Kulturgut Hausruck. Gemeinsam haben sie heuer für die Ausstellung im Haager Heimatmuseum - Schloss Starhemberg „Rebellen! Die schwarzen Bauern der Weiberau“ anlässlich des 400. Jahre Oberösterreichischer Bauernkrieg 1626 geforscht, gearbeitet und die Ausstellung kuratiert. Im Gespräch mit Irene, Christian und Laurenz Keller spürt Siegfried Kristöfl den Interessen und persönlichen Motivationen nach, sich mit dem Thema „Bauernkrieg“ im Speziellen und vielen weiteren regional- und landeskundlichen Themen forscherisch auseinanderzusetzen. Wir danken sehr herzlich für die Statements.
Die Ausstellung „Rebellen“ wird demnächst auch in Form einer Dokumentation im Digitalen Ausstellungsarchiv des forum oö geschichte zur Verfügung stehen.
Siegfried Kristöfl: Diese Ausstellung ist nicht die erste, die ihr entwickelt und umgesetzt habt. War sie die herausforderndste?
Fam. Keller: Nein, das war die Ausstellung „Standpunkte. Die Jörger von Tollet und ihre Zeit“ 2010 im Schloss Tollet im Zuge der Landesausstellung „Renaissance und Reformation“. Das war unsere erste Ausstellung und eigentlich wollten wir nur ein Konzept dafür erstellen. Als wir dann die Verantwortlichen für die Landesausstellung gefragt haben, wer das jetzt umsetzt, hat es geheißen: „Ja, ihr.“ Wir mussten uns damals alles von Grund auf erarbeiten. Bei der Ausstellung „Rebellen!“ konnten wir auf über 20 Jahre Heimatforschung und die Kuratierung mehrerer Ausstellungen zurückgreifen. Trotzdem ist uns die Zeit sehr knapp geworden.
Siegfried Kristöfl: Hat euch das 17. Jahrhundert und das Thema „OÖ. Bauernkrieg“ schon immer latent beschäftigt und gereizt? Oder habt ihr dieses Jubiläum als Latte gesehen, die es für Heimatforscher zu nehmen gilt?
Fam. Keller: Das Thema hat uns schon immer interessiert, weil auch unser Hof in Geboltskirchen natürlich davon betroffen war. Achaz Wiellinger lebte ganz in der Nähe und der „Knasmüller“, dessen Schicksal wir in der Ausstellung aus Verhörprotokollen rekonstruiert haben, wohnte in nächster Nachbarschaft. Im Stift Lambach sind wir schon vor einigen Jahren auf Dokumente von 1660 gestoßen, wo ein Bewohner der Knasmühle mit dem „Haslinger“, von unserem Hof, gemeinsam die Ketten vom Hochgericht in Starhemberg gestohlen hat. Sie wollten sich daraus Ringe schmieden, die unverwundbar machen sollten. Nach ähnlichen magischen Praktiken wird auch der Knasmüller im Verhör nach dem Bauernkrieg gefragt. 1620, bei der Verteidigung der Grenze gegen das einfallende bayerische Kriegsvolk, hieß es in den Verhörprotokollen, der damalige Besitzer unseres Hofes hätte „nit aufwollen“ als die Bauern ihn beim Auftreiben mitnehmen wollten. Er musste dann aber doch mitziehen. Das heißt, wir kannten sozusagen die Protagonisten des Bauernkriegs in der Umgebung schon länger.
Siegfried Kristöfl: Wie rebellisch fühlt ihr euch mit euren heimatforscherischen Projekten, die allesamt die Region kulturell belebt haben und beleben?
Fam. Keller: Rebellisch eigentlich nicht, Rebellionen erzeugen immer Unfrieden und Widerstand. Widerstand ist bei der Umsetzung einer Ausstellung immer hinderlich. Wir wollen eher mit unseren Projekten die Menschen in unserer Region verbinden.
Siegfried Kristöfl: Ihr forscht, ihr publiziert, ihr gestaltet Ausstellungen, ihr haltet Vorträge. Wie teilt ihr euch eure Aufgaben auf?
Irene Keller: Wir forschen gemeinsam, ich transkribiere besonders gerne Kurrentdokumente, schreibe die Texte und halte Vorträge.
Christian Keller: Theorien werden gemeinsam oft heftig diskutiert. Ich mache den Satz für die Publikationen und das Design für die Ausstellungen. Bei der Adaptierung von Räumen und dem Basteln von Installationen arbeiten wir beide zusammen.
Laurenz Keller: In der Vergangenheit habe ich die Projekte meiner Eltern mitverfolgt, wirklich involviert bin ich erst in der letzten Zeit. Ich studiere Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Wien und interessiere mich auch besonders für die Geschichte unseres Hofes, unsere Familiengeschichte und für Genealogien von Adeligen und Wappenkunde. Vor diesem Hintergrund habe ich für die letzte Ausstellung auch die Genealogie der Adelsfamilie der Wiellinger von der Au aufgearbeitet.
Siegfried Kristöfl: Welche anderen Kulturvermittlungs-Methoden wollt ihr noch ausprobieren bzw. seht ihr eine Notwendigkeit, andere Tools auszuprobieren?
Christian Keller: Eigentlich nicht. Ich stelle am liebsten Theorien auf zu Themen, die noch nie hinterfragt wurden. Oft kommt man auf viele Widersprüche und versucht dann, Antworten zu finden. Mich fasziniert besonders das Mittelalter, die Hausruckburgen und Kirchen und in welchem Zusammenhang sie miteinander gestanden sind. Das scheint ein sehr wenig erforschtes Gebiet zu sein.
Irene Keller: Mich fasziniert auch das Rätsellösen. Ich arbeite gerne mit Originaldokumenten, weil man da das Gefühl hat, die Leute aus früheren Zeiten sprechen zu hören. Mir ist es wichtig, ihnen sozusagen eine Stimme zu geben, deshalb möchte ich immer alles in Form von Publikationen schriftlich festhalten. Ob das „Kulturvermittlung“ ist, weiß ich nicht, es freut uns aber immer sehr, wenn sich auch andere für die Geschichte(n) unserer Region interessieren. Im Zuge der Ausstellung haben uns besonders die vielen interessanten Fachgespräche gefreut.
Siegfried Kristöfl: Womit begann euer heimatforscherisches Interesse? Hat es was mit dem Erwerb eures Hofes in Geboltskirchen zu tun oder muss man noch weiter zurückgehen?
Christian Keller: Ja, für mich begann es mit der Hofforschung nach Kauf des „Haslingerhofes“, das hat sich zu einem Interesse für die ganze Region erweitert. Das Mittelalter war für mich aber schon als Kind eine magische Zeit.
Irene Keller: Mich hat Geschichte immer schon interessiert, schon mein Großvater war Heimatforscher und obwohl ich noch klein war, als er gestorben ist, kann ich mich an Dinge erinnern, die er mir erzählt hat, z.B. vom „Goldenen Heißerl“ oder von Achaz Wiellinger auf Schloss Hinterndobl.
Laurenz Keller: Durch die forscherische Tätigkeit meiner Eltern bin ich schon als kleines Kind auf Burgställe zur Feldforschung mitgenommen worden. Die alten Gemäuer unseres Hofes haben sicherlich meine Begeisterung für historische Gebäude mitgeprägt. In der Familie liegt schon lange ein Interesse für Heimatforschung und Geschichte, da kann ich mich meiner Mutter anschließen, schon mein Urgroßvater schätzte unsere Region für ihre reichhaltige Kultur.
Siegfried Kristöfl: Empfindet ihr Heimatforschung als Engagement, als Bildungsauftrag, als individuelles kulturelles Erbe, als Liebhaberei (oder als etwas ganz anderes …)?
Familie Keller: Darüber haben wir uns nie Gedanken gemacht, es macht uns einfach Spaß und lässt einen nicht mehr los. Es gibt so viele Rätsel zu lösen, dass wir damit (leider) zu unseren Lebzeiten sicher nicht fertig werden.
Siegfried Kristöfl: Wer sind eure Weggefährten und langjährige Kollaborateure und Vertraute?
Familie Keller: Die „uralten Heimatforscher“ wie Julius Strnadt und Martin Kurz. Aber auch leider jüngst Verstorbene wie der Kustos des Museums in Schloss Starhemberg Kons. Hans Huber oder der Rottenbacher Heimatforscher Hubert Fuchs. Außerdem der Eberschwanger Heimatforscher Kons. Franz Buchinger, Prof. Kons. Michael Hohla für alle Fragen der Botanik, Kons. Josef Weichenberger besonders für Erdställe und vieles andere und Hans Wiesinger aus Haag, mit dem wir besonders viel für die Ausstellung Rebellen und das Haager Heimatbuch zusammengearbeitet haben. Es gibt noch viele andere, mit denen wir uns seit Jahrzehnten ausgetauscht haben, die ganz spezielle Wissensgebiete haben, z.B. Dr. Alice Kaltenberger für Keramiken oder August Hötzinger für Mineralien/ Fossilien und viele andere der Bundschuhautoren.
Siegfried Kristöfl: Wie aufgeschlossen zeigen sich jüngere Generationen gegenüber regionalgeschichtlichen Themen und historische Entwicklungen?
Irene und Christian Keller: Bei Gesprächen merkt man oft, dass eigentlich schon viel Interesse da wäre, nur durch die Kürzung der Geschichtestunden in den Schulen konnte es oft nicht geweckt werden. Wir glauben eigentlich, dass man die jungen Leute nicht mit Multimediainstallationen oder KI-Inhalten abholen kann. Eine gut erzählte Geschichte kann immer noch am besten die Neugier wecken. Auch Installationen, die haptisch erfahrbar sind, erzeugen Emotionen und dadurch Interesse.
Laurenz Keller: Durch mein Studium in Wien lerne ich viele junge Leute kennen, die großes Interesse für Geschichte haben und sich auch engagieren. Der Geschichteunterricht an den Schulen spielt definitiv eine prägende Rolle in der Interessensbildung. Ich finde, dass gerade in einem digitalen Zeitalter keine völlige Distanzierung von den tatsächlichen Spielorten der Geschichte stattfinden sollte. Ob es nun Schloss Tollet ist, in dem man eine Ausstellung über die Jörger von Tollet gestaltet, die dort schon vor 500 Jahren lebten, oder Schloss Starhemberg, wo die Bauern, über deren Schicksale erzählt wird, tatsächlich inhaftiert waren. Dort spüren die Besucher wirklich die Geschichte, unabhängig davon, wie alt sie sind.
Siegfried Kristöfl: Gibt es eine Heimatforschung des 20. Jahrhunderts und eine des 21. Jahrhunderts? (Ist der Wandel hinlänglich beschrieben mit dem Pendelschlag von „Bildungsbürgertum“ zur „Nichtkenntnis der Tradition“?)
Irene Keller: Vermutlich ist es immer noch das „Bildungsbürgertum“, das versucht, Heimatforschung am Leben zu erhalten. Seine Aufgabe ist es, gegen die Nichtkenntnis der Tradition Maßnahmen zu ergreifen.
Christian Keller: Das Bildungsbürgertum des 20. Jahrhunderts war größtenteils humanistisch gebildet, der Bildungsbürger des 21. Jahrhunderts ist eher technisch geprägt. Das bringt natürlich Verschiebungen mit sich. Es gibt daher weniger junge Menschen, die sich mit Geschichte beschäftigen. Der Begriff der Tradition ist leider für viele Menschen durch Vereinnahmung von Ideologien negativ belastet.
Laurenz Keller: Über lange Zeit hinweg war das Bildungsbürgertum verantwortlich für den Erhalt des geschichtlichen Wissens. Besonders im 21. Jahrhundert scheint es, dass das Interesse der Bevölkerung an Kultur dem Interesse an Technik weicht. Besonders heutzutage gibt es neben dem schwindenden Bildungsbürgertum eine Gruppe, die sich der Tradition des Wissens- und Traditionserhalts verpflichtet sieht. Die ehemaligen Adeligen sind Mitträger der Kultur und Tradition, und auch teils ihr Erhalter. Das ist natürlich auch ihrer eigenen Geschichte geschuldet. Bei den Ausstellungen meiner Eltern haben wir oft mit Adeligen zu tun gehabt. Wir sind zu Gesprächen eingeladen worden und haben Unterstützung in Form von Leihgaben erhalten.
Siegfried Kristöfl: Wie positiv oder wie kritisch geht ihr mit der Zuschreibung „Heimatforscher:in“ zu sein um?
Familie Keller: Für uns ist es ein positiver Begriff, „Heimat“ ist für uns nicht negativ belastet und wir forschen ja in der Heimat. Also passt das gut.
Siegfried Kristöfl: Wie weit spannt sich das Netz an Kontakten, die euch bei euren Projekten weiterhelfen und unterstützen?
Familie Keller: Sehr weit, wir haben keine Scheu davor, uns bei Fragen an alle möglichen Stellen zu wenden. Wir haben z.B. bei Datierungen schon mit dem Atominstitut in Wien und für Schliffanalysen mit der Montanuniversität in Leoben und mit Metallurgen der VOEST zusammengearbeitet. Wir haben dabei sehr positive Erfahrungen gemacht, sind auf großes Interesse und Hilfsbereitschaft gestoßen und ein Artikel über das Ergebnis der Zusammenarbeit mit den oben genannten Instituten hat es sogar ins Science-Magazin geschafft.
Siegfried Kristöfl: Ihr habt 2009 das Heimatbuch von Geboltskirchen geschrieben? Bräuchte es heutzutage überarbeitete Beiträge oder neue Kapitel, um die Beschreibung der Ortsgemeinde und deren Geschichte darzustellen – wenn ja, welche? Und wie trifft man mit einem Heimatbuch den richtigen Ton, um eine breite Menge an Mitbürger:innen zu erreichen?
Familie Keller: Ja, manches würden wir heute anders schreiben, weil wir inzwischen einfach viele neue Erkenntnisse haben. Ein Heimatbuch muss in einer möglichst einfachen und verständlichen Sprache verfasst sein, sollte Erklärungen beinhalten, die Sekundärliteratur ersetzen und trotzdem wissenschaftlichen Inhalt haben. Fußnoten, Quellen- und Literaturangaben sind für uns obligat. Ob wir den richtigen Ton getroffen haben, muss man vermutlich die Leser:innen fragen ;-). Wir finden, dass man durchaus auch einmal Theorien aufstellen darf, die aber als solche erkennbar sein müssen. Spätere Forscher:innen sollen darauf aufsetzen, sie erweitern oder nötigenfalls widerlegen können.
Siegfried Kristöfl: Mit der Bauernkriegsausstellung „Rebellen“ habt ihr wieder ein spannendes Kapitel Hausruck-Geschichte ‚geschrieben‘, welche Themen muss man darstellen, um diese Region noch spezifischer zu fassen?
Familie Keller: Die Besiedlungszeit im Hausruckgebiet um 1000, als die ersten Sitze und Burgen gebaut wurden und man das Land urbar machte, würde uns alle drei interessieren. Darüber forschen wir zurzeit und planen eine Ausstellung „Zeit der Türme“ für irgendwann.
Siegfried Kristöfl: Das benachbarte Innviertel ist seit 1779 bei Oberösterreich. Ab wann verliert sich der spezifische Charakter dieses Landstrichs und geht in eine gemeinsame ‚oberösterreichische‘ Identität über?
Irene und Christian Keller: Ein wenig ist der Unterschied zwischen Innviertlern und Hausruckviertlern immer noch spürbar, aber durch die sozialen Medien und durch die Globalisierung verlieren sich die speziellen landschaftlichen Identitäten immer mehr.
Laurenz Keller: Eine gesamtoberösterreichische Identität gibt es in dieser Form nicht, früher war der Unterschied zwischen dem Innviertel und Hausruckviertel noch stärker. Die oberösterreichischen Regionen haben teils ihre eigenen Dialekte und Traditionen. Vergleicht man Oberösterreich mit einem anderen Bundesland, wie zum Beispiel mit Tirol, bemerkt man dort eine viel stärkere Gemeinschaftskultur.
Rebellen! Die schwarzen Bauern der Weiberau – Ihre Beweggründe und Schicksale im Oberösterreichischen Bauernkrieg. Begleitkatalog zur Ausstellung "Rebellen ! Die schwarzen Bauern der Weiberau – Ihre Beweggründe und Schicksale im Oberösterreichischen Bauernkrieg" im Schloss Starhemberg in Haag am Hausruck im Zuge der Communale 2026 anlässlich 400 Jahre Oberösterreichischer Bauernkrieg. Geboltskirchen (Eigenverlag) 2026, 400 S.
Hardcover, erhältlich um EUR 25,- in der Ausstellung im Schloss Starhemberg zu den Öffnungszeiten oder unter +43 06643409130.
Die Ausstellung „Rebellen!“ kann noch bis 26. Oktober 2026 im Haager Heimatmuseum Schloss Starhemberg besichtigt werden.
Weitere Informationen:
https://kulturgut-hausruck.at/
https://www.haager-heimatmuseum.at/
https://www.ooemuseen.at/museen-in-ooe/veranstaltungen/7839-rebellen-die-schwarzen-bauern-der-weiberau