Machtergreifung und "Anschluß"

Am Abend des 11. März 1938 trat Bundeskanzler Kurt Schuschniggs unter dem Druck des Ultimatums NS-Deutschlands zurück. Die für den 13. März angesetzte Volksbefragung für ein unabhängiges Österreich war bereits wenige Stunden zuvor auf Verlangen Adolf Hitlers abgesagt worden. Die Bestellung des Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquarts zum neuen Bundeskanzler bedeutete die Mobilisierung der Nationalsozialisten in den Bundesländern. Auch in Wels tauchten die ersten Hakenkreuzfahnen an den Häusern auf.
Am Kaiser-Josef-Platz sammelten sich gegen 20 Uhr die Parteiformationen. Ein Fackelzug mit Fahnen, Trommeln und Hornisten bewegte sich durch die Stadt auf den Stadtplatz. Es schlossen sich auch Sympathisanten und Schaulustige an. Am Stadtplatz war schon um 19 Uhr 30 das Bundespolizeikommissariat von ungefähr 1.800 nationalsozialistischen Demonstranten gestürmt worden. Ein Teil der Polizei gehörte selbst zu den Nationalsozialisten oder sympathisierte. Das Kommissariat wurde besetzt und der Leiter seines Dienstes enthoben. Zuerst wehte die Hakenkreuzfahne über dem Kommissariat - danach auch am Rathaus.

Im Kaffeehaus Markut trafen sich Kreisleiter Josef Schuller, SA-Standartenführer Walter Ebner, SS-Sturmführer Hermann Markut, der Kreisleiter der NSBO Max Schmid und Dr. Leo Sturma sowie SA-Stabsleiter Rudolf Irkowsky. Genau nach Plan wurden die Dienststellen der Gendarmerie und der Bezirksverwaltung durch SA und SS besetzt und die vorbereiteten Plakate mit den Namen der neuen Machthaber angeschlagen. Auch die Ämter wurden vergeben: Dr. Sturma übernahm das Bürgermeisteramt, Markut die Leitung der Polizei, Ebner die der Gendarmerie.

Schon in den frühen Morgenstunden des 12. März zogen die ersten Staffeln der deutschen Luftwaffe über Wels hinweg. Zahllose Propagandazettel mit Hakenkreuzen wurden abgeworfen. Zu Mittag erreichten dann die Spitzen der deutschen Wehrmacht, Panzerspähabteilungen, Wels. Sie wurden von Teilen der Bevölkerung neugierig und jubelnd empfangen. Auch Adolf Hitlers Weg nach Linz führte am 12. März durch Wels. Ungefähr um 19 Uhr 15 erreichte der "Führer" den Kaiser-Josef-Platz. Schaulustige und jubelnde Anhänger säumten die Straßen.

Die politische Realität hinter dem "ersehnten Ereignis" sah freilich anders aus. Mit den deutschen Truppen kam auch die Gestapo mit Listen der NS-Gegner ins Land. In Wels wurden bereits am 12. März unter anderen leitende Verwaltungsbeamte, Politiker, Polizeimitglieder und Justizvertreter als politische Gegner verhaftet, manche davon in das KZ Dachau gebracht.

Autoren: Ingeborg Micko und Michael Kitzmantel

Wels 1938. Dokumentation einer Ausstellung des Stadtarchivs und des Stadtmuseums Wels vom 5. Juni bis 27. Oktober 2013 im Stadtmuseum Wels - Burg.