Der zweitgeborene Sohn
1233–1251

DAS HEILIGE RÖMISCHE REICH

Die Gebiete des heutigen Deutschlands, Österreichs, Norditaliens und der böhmischen Länder waren im Mittelalter und in der Neuzeit Teile des Heiligen Römischen Reiches, das auf dem antiken Erbe aufbaute. Die verschiedenen Regionen wurden von Herzögen, Fürsten, Grafen, Erzbischöfen und Bischöfen regiert und erkannten mehr oder weniger stark die Souveränität des römischen Königs oder Kaisers an.

Mitte des 13. Jhds neigte sich die Herrschaft des Kaisers Friedrich II. von Stauf dem Ende zu (1250), der auch in Süditalien regierte. Zu seinem allmählichen Machtverlust trugen die immer einflussreicheren Päpste bei, die in der ersten Hälfte des 13. Jhds am stärksten die Idee vertraten, dass sie das politische Oberhaupt der gesamten Christenheit seien und nicht diejenigen, die die Kaiserkrone trugen.

Gleichzeitig drängte eine furchtbare Bedrohung aus dem Osten nach Mitteleuropa. Horden mongolischer Nomaden (Tataren) hatten schon lange Asien und die russischen Steppen geplündert. Der Enkel des mächtigen Dschingis Khan, Batu, fiel 1241 in Polen ein und plünderte Mähren grausam aus. Nur dank der inneren Zerrüttung des Mongolenreichs konnte das Zentrum Europas vor der endgültigen Zerstörung bewahrt werden.

KÖNIGTUM BÖHMEN

In der Mitte des 13. Jahrhunderts wurde das Heilige Römische Reich von schwachen Königen regiert, die sich gegenseitig bekriegten. Sie wurden von den sieben mächtigsten Reichsfürsten gewählt. Zu diesen Kurfürsten, den so genannten Kurfürsten des Kurfürstentums, gehörten ab diesem Zeitpunkt auch die Könige von Böhmen. Sie stammten aus dem Geschlecht der Přemysliden und herrschten zur gleichen Zeit auch in Mähren, wo schließlich der Sohn oder der jüngere Bruder des Königs mit dem Titel eines Markgrafen regierte. Die böhmischen Länder befanden sich im 13. Jahrhundert in einem starken Wandel. Die Přemysliden unterstützten das Aufblühen des Landes durch die deutsche Kolonisation. Dies beschleunigte das Wachstum der Bevölkerung, die Gründung neuer Städte und die Besiedlung der bergigeren Grenzgebiete. Gleichzeitig förderte sie die Entwicklung des Bergbaus. Der Monarch gewährte den Königsstädten zahlreiche Privilegien. Der König und der sich emanzipierende Adel bauten zahlreiche Burgen. Damals, vielleicht am 1. August 1233 bekam der König Wenzel I. einen Sohn. In Böhmen war er als Přemysl und im Ausland als Ottokar bekannt.

GEGEN SEINEN VATER

Přemysl Ottokar, in dessen Adern nach seiner Mutter, der Königin Kunhuta, das Blut der Kaiser der staufischen Dynastie floss, kam als Zweitgeborener auf die Welt. Der Älteste war sein Bruder Wladislaus, der der zukünftige König von Böhmen werden sollte. Sein Vater übertrug dem Erstgeborenen die Herrschaft über Mähren, und der junge Mann eroberte bald darauf, im Jahr 1246, die benachbarten österreichischen Länder. Wladislaus vielversprechender Aufstieg wurde jedoch durch seinen unerwarteten Tod am 3. Januar 1247 beendet, wodurch der jüngere Přemysl zum Alleinerben des Königreichs wurde. Obwohl der zweitgeborene König kurz darauf von Wenzel I. zum Markgrafen von Mähren ernannt wurde, rebellierte der ehrgeizige Sohn, kaum sechzehn Jahre alt, 1248 gegen seinen Vater. Er zwang ihn zur Abdankung und nannte sich fortan „der jüngere König von Böhmen“. Doch innerhalb eines Jahres wurde der innenpolitische Krieg wieder beendet. Der aufmüpfige Ottokar wurde zur Versöhnung gezwungen und kurzzeitig inhaftiert. Nach seiner Freilassung regierte er erneut in Mähren, allerdings zunächst unter der Aufsicht von Wenzels Vertrauten.

Autoren: Lukáš Reitinger, Svatomír Mlčoch (Inhalt), Martin Polák (Deutsche Übersetzung), 2024

PŘEMSYL OTTOKAR II. - König von Böhmen, Herzog von Österreich - Dokumentation der Sonderausstellung des Vereins der Ottokar-Städte und der Stadt Budweis vom 6. Juli 2024 bis 2. Februar 2025 im Mühlviertler Schlossmuseum Freistadt.