Autobahnen

Es ist wieder Stauzeit. Die Autobahnen, die ursprünglich als Straßen für reiche Leute konzipiert wurden, wo bei luxuriösen Touren mit dem Auto die Landschaft möglichst angenehm und von anderen Fahrzeugen ungestört „erwandert“ und „erfahren“ werden sollte, sind heute Massenrouten, wo Stau und Stress zum Alltag geworden sind und die Landschaft, durch die man fährt, kaum mehr wahrgenommen wird oder hinter immer mehr Lärmschutzwänden und „Einhausungen“ verschwindet.
Der zwischen 1908 bis 1910 errichtete Long Island Motor Parkway zwischen New York und dem Lake Ronkonkoma gilt als erste Autobahn der Welt: Errichtet wurde er von einem privaten Konsortium reicher Autobesitzer, die ungehindert von Pferdefuhrwerken, Radfahrern oder Lastkraftwagen und Autobussen in zügiger Fahrt die Landschaft genießen wollten. Ähnlich konzipiert war die 1921 fertiggestellte Berliner AVUS. Zum Vorbild der deutschen Autobahnen aber wurden die italienischen Autostrade, mit deren Bau ab 1922 begonnen wurde.
In Deutschland hatte der so genannte HAFRABA-Verein, der sich nach seinem wichtigsten Ziel, der Autostraße „Hamburg-Frankfurt-Basel“ den Namen gab, bis 1932 insgesamt 70 Bände mit detaillierten, baureifen Projektunterlagen für Autobahnen entwickelt. Diese Planungen wurden zwar von den Nationalsozialisten voll übernommen, aber durch den Mythos von den Reichsautobahnen als einer Erfindung Adolf Hitlers verdrängt.

Auch die nationalsozialistischen Autobahnen waren immer noch „Straßen für reiche Leute“: Nicht die kürzeste, sondern die „edelste“ Verbindung war das Ziel. Das Netz wurde so trassiert, dass historische und touristische Sehenswürdigkeiten möglichst bequem vom Auto aus betrachtet werden konnten. So brachte zum Beispiel die heute vorhandene Trassenführung entlang des Mond- und Attersees gegenüber einer Linienführung über Vöcklabruck und Straßwalchen zwar 20 km Umweg und dazu noch unnötige Steigungen, schwierige Bodenverhältnisse, Nebelanfälligkeit und viel schlechtere Winterfestigkeit, aber den Blick aufs Gebirge und die Seen.
Der Spatenstich für den Autobahnbau in Österreich war am 7. April 1938 am Walserberg erfolgt. Ende 1941 wurden alle Bauarbeiten eingestellt. Etwa 16 km um Salzburg herum waren fertig, etwa 200 km waren im Bau. „Was wird aus den Reichsautobahnen?“, fragten die Oberösterreichischen Nachrichten bereits im November 1945. Es dauerte aber neun Jahre bis zur Fortsetzung. Gegen zum Teil heftigen Widerstand fiel in den Jahren 1953/54 die Entscheidung für den Weiterbau. Die Baueuphorie hielt bis in die 80er Jahre. Sie ist inzwischen einer kritischen Ernüchterung gewichen, auch wenn klar ist, dass wir ohne Autobahnen nicht mehr auskommen können.

Roman Sandgruber

Aus der Serie "Alltagsdinge". Oberösterreichische Nachrichten, 30. Juli 2005, 30.