Hafer

Jetzt, wenn der Frühling kommt, sticht viele wieder der Hafer. Es ist eine unscheinbare Ackerfrucht, die von unseren Feldern nahezu verschwunden ist. Und doch gibt es namhafte Wissenschaftler wie etwa den Wiener Sozialhistoriker Michael Mitterauer, die dem Hafer das Hauptverdienst für den phänomenalen wirtschaftlichen und politischen Aufstieg zuschreiben, den der Kontinent Europa im und seit dem Mittelalter genommen hat. Der Hafer hat eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Er ist der Findling der Wirtschafts- geschichte. Als Unkraut im Getreide nach Europa gekommen, von den Römern verachtet, wurde er im frühmittelalterlichen Frankenreich heraussortiert und neben Weizen oder in kälteren Regionen Roggen zur zweiten Hauptfrucht der damals neuen Dreifelderwirtschaft. Der Hafer als neue Feldfrucht war für den Aufschwung der europäischen Pferdezucht hauptverant- wortlich, wodurch Europa in die Lage kam, den immer wiederkehrenden Stürmen der innerasiatischen Reitervölker, der Awaren, Ungarn und Mongolen, sich erfolgreich entgegen stellen zu können, viel erfolgreicher, als dies am anderen Ende der Welt, in China zur selben Zeit der Fall war. Der Hafer als Futter für seine Pferde gab dem europäischen Feudalsystems und seiner schweren Reiterei die Grundlage.

Der Hafer ist der große Verlierer der neueren Agrargeschichte. Noch 1939 rangierte er in der weltweiten Bedeutung hinter Weizen, Mais und Reis an vierter Stelle der Getreidearten. Heute kommt er in den Erntestatistiken kaum mehr vor, obwohl er ernährungsphysiologisch die hochwertigste Getreideart darstellt, die in Mitteleuropa angebaut werden kann. Im Mittelalter bildete er einen der Hauptbestandteile der Ernährung, sowohl als Fastenspeise der Vornehmen wie als alltäglicher Bestandteil der Bauernkost. In manchen Gegenden kamen tagtäglich „Habertalken“ auf den Tisch. Die Speisenordnung des vornehmen Eferdinger Schiferstiftes aus 1463 verordnete den Insassen: „Man soll ihnen in der Fastenzeit acht Metzen Hafer zu Geysslitz geben.“ Im 18. und 19. Jahrhundert war er nur mehr eine Notnahrung der Armen in Hungerjahren, die ihnen aber, wie Kritiker anmerkten, nicht mehr recht schmecken wollte. Heute gibt es eine Renaissance der Haferkost. Über die Gesundheitsküche und Sportnahrung kehrten die Breie und Müsli zurück. In einigen Regionen wird aus Hafer auch Whiskey hergestellt, im Mühlviertel auch ein Hafer- schnaps. Ein guter Anlass, einmal im Pferdebahnmuseum in Kerschbaum vorbeizuschauen, wo man als geistige Stärkung einen Gleishupfer serviert bekommt: einen Haferschnaps mit einem Schuss Schlagobers.

Roman Sandgruber

Aus der Serie "Alltagsdinge". Oberösterreichische Nachrichten, 31. März 2007, 36.